Des fremden Kindes heiliger Christ

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Friedrich Rückert: Des fremden Kindes heiliger Christ (1827)

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Es lauft ein fremdes Kind
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Am Abend vor Weihnachten
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Durch eine Stadt geschwind,
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Die Lichter zu betrachten,
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Die angezündet sind.

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Es steht vor jedem Haus
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Und sieht die hellen Räume,
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Die drinnen schaun heraus,
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Die lampenvollen Bäume;
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Weh wird's ihm überaus.

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Das Kindlein weint und spricht:
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»ein jedes Kind hat heute
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Ein Bäumchen und ein Licht
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Und hat dran seine Freude,
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Nur bloß ich armes nicht.

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An der Geschwister Hand
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Als ich daheim gesessen,
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Hat es mir auch gebrannt;
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Doch hier bin ich vergessen
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In diesem fremden Land.

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Läßt mich denn niemand ein
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Und gönnt mir auch ein Fleckchen?
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In all den Häuserreih'n
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Ist denn für mich kein Eckchen,
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Und wär' es noch so klein?

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Läßt mich denn niemand ein?
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Ich will ja selbst nichts haben,
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Ich will ja nur am Schein
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Der fremden Weihnachtsgaben
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Mich laben ganz allein.«

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Es klopft an Thür und Thor,
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An Fenster und an Laden;
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Doch niemand tritt hervor,
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Das Kindlein einzuladen,
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Sie haben drin kein Ohr.

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Ein jeder Vater lenkt
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Den Sinn auf seine Kinder;
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Die Mutter sie beschenkt,
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Denkt sonst nichts mehr noch minder;
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Ans Kindlein niemand denkt.

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»o, lieber heil'ger Christ!
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Nicht Mutter und nicht Vater
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Hab' ich, wenn du's nicht bist;
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O, sei du mein Berater,
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Weil man mich hier vergißt!«

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Das Kindlein reibt die Hand,
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Sie ist von Frost erstarret;
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Es kriecht in sein Gewand,
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Und in dem Gäßlein harret,
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Den Blick hinaus gewandt.

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Da kommt mit einem Licht
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Durchs Gäßlein hergewallet
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Im weißen Kleide schlicht
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Ein ander Kind; – wie schallet
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Es lieblich, da es spricht:

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»ich bin der heil'ge Christ,
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War auch ein Kind vordessen,
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Wie du ein Kindlein bist;
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Ich will dich nicht vergessen,
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Wenn alles dich vergißt.

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Ich bin mit meinem Wort
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Bei allen gleichermaßen;
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Ich biete meinen Hort
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So gut hier auf den Straßen
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Wie in den Zimmern dort.

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Ich will dir deinen Baum,
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Fremd Kind, hier lassen schimmern
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Auf diesem offnen Raum,
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So schön, daß die in Zimmern
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So schön sein sollen kaum.«

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Da deutet mit der Hand
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Christkindlein auf zum Himmel,
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Und droben leuchtend stand
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Ein Baum voll Sterngewimmel
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Vielästig ausgespannt.

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So fern und doch so nah',
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Wie funkelten die Kerzen!
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Wie ward dem Kindlein da,
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Dem fremden, still zu Herzen,
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Das seinen Christbaum sah!

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Es ward ihm wie ein Traum;
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Da langten hergebogen
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Englein herab vom Baum
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Zum Kindlein, das sie zogen
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Hinauf zum lichten Raum.

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Das fremde Kindlein ist,
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Zur Heimat nun gekehret
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Bei seinem heil'gen Christ;
89
Und was hier wird bescheret,
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Es dorten leicht vergißt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Rückert
(17881866)

* 16.05.1788 in Schweinfurt, † 31.01.1866 in Neuses

männlich, geb. Rückert

deutscher Dichter, Übersetzer und Orientalist (1788–1866)

(Aus: Wikidata.org)

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