Vom Bäumlein, das spazieren ging

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Friedrich Rückert: Vom Bäumlein, das spazieren ging (1827)

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Das Bäumlein stand im Wald
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In gutem Aufenthalt;
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Da standen Busch und Strauch
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Und andre Bäumlein auch;
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Die standen dicht und enge,
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Es war ein recht's Gedränge;
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Das Bäumlein mußt' sich bücken
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Und sich zusammen drücken;
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Da hat das Bäumlein gedacht
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Und mit sich ausgemacht:
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»hier mag ich nicht mehr stehn,
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Ich will wo anders gehn
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Und mir ein Örtlein suchen,
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Wo weder Birk' noch Buchen,
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Wo weder Tann' noch Eichen
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Und gar nichts desgleichen;
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Da will ich allein mich pflanzen
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Und tanzen.«

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Das Bäumlein das geht nun fort
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Und kommt an einen Ort,
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In ein Wiesenland,
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Wo nie ein Bäumlein stand,
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Da hat sich's hingepflanzt
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Und hat getanzt.

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Dem Bäumlein hat's vor allen
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An dem Örtlein gefallen;
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Ein gar schöner Bronnen
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Kam zum Bäumlein geronnen;
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War's dem Bäumlein zu heiß,
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Kühlt's Brünnlein seinen Schweiß.
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Schönes Sonnenlicht
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War ihm auch zugericht';
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War's dem Bäumlein zu kalt,
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Wärmt' die Sonn' es bald.
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Auch ein guter Wind
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War ihm hold gesinnt,
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Der half mit seinem Blasen
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Ihm tanzen auf dem Rasen.

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Das Bäumlein tanzt' und sprang
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Den ganzen Sommer lang;
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Bis es vor lauter Tanz
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Hat verloren den Kranz.
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Der Kranz mit den Blättlein allen
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Ist ihm vom Kopf gefallen;
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Die Blättlein lagen umher,
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Das Bäumlein hat keines mehr;
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Die einen lagen im Bronnen,
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Die andern in der Sonnen,
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Die andern Blättlein geschwind
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Flogen umher im Wind.

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Wie's Herbst nun war und kalt,
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Da fror's das Bäumlein bald;
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Es rief zum Brunnen nieder:
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»gib meine Blättlein mir wieder,
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Damit ich doch ein Kleid
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Habe zur Winterszeit.«
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Das Brünnlein sprach: »Ich kann eben
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Die Blättlein dir nicht geben;
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Ich habe sie alle getrunken,
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Sie sind in mich versunken.«

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Da kehrte von dem Bronnen
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Das Bäumlein sich zur Sonnen:
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»gib mir die Blättlein wieder,
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Es friert mich an die Glieder.«
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Die Sonne sprach: »Nun eben
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Kann ich sie dir nicht geben;
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Die Blättlein sind längst verbrannt
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In meiner heißen Hand.«

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Da sprach das Bäumlein geschwind
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Zum Wind:
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»gib mir die Blättlein wieder,
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Sonst fall' ich tot darnieder.«
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Der Wind sprach: »Ich eben
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Kann dir die Blättlein nicht geben;
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Ich hab' sie über die Hügel
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Geweht mit meinem Flügel.«
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Da sprach das Bäumlein ganz still:
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»nun weiß ich, was ich will;
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Da haußen ist mir's zu kalt,
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Ich geh' in meinen Wald,
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Da will ich unter die Hecken
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Und Bäume mich verstecken.«

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Da macht sich's Bäumlein auf
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Und kommt im vollen Lauf
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Zum Wald zurück gelaufen,
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Und will sich stell'n in den Haufen.
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's fragt gleich beim ersten Baum:
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»hast du keinen Raum?«
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Der sagt: »Ich habe keinen!«
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Da fragt das Bäumlein noch einen,
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Der hat wieder keinen;
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Da fragt das Bäumlein noch einen:
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Es fragt von Baum zu Baum,
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Aber kein einz'ger hat Raum.
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Sie standen schon im Sommer
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Eng in ihrer Kammer;
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Jetzt im kalten Winter
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Stehn sie noch enger dahinter.
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Dem Bäumchen kann nichts frommen,
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Es kann nicht unterkommen.

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Da geht es traurig weiter
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Und friert, denn es hat keine Kleider;
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Da kommt mittlerweile
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Ein Mann mit einem Beile,
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Der reibt die Hände sehr,
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Thut auch, als ob's ihn frör'.
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Da denkt das Bäumlein wacker:
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»das ist ein Holzhacker;
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Der kann den besten Trost
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Mir geben für meinen Frost.«

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Das Bäumlein spricht schnell
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Zum Holzhacker: »Gesell,
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Dich friert's so sehr wie mich
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Und mich so sehr wie dich.
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Vielleicht kannst du mir
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Helfen und ich dir.
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Komm, hau' mich um
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Und trag' mich in deine Stub'n,
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Schür' ein Feuer an,
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Und leg' mich dran;
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So wärmst du mich
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Und ich dich.«

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Das deucht dem Holzhacker nicht schlecht,
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Er nimmt sein Beil zurecht;
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Haut's Bäumlein in die Wurzel,
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Umfällt's mit Gepurzel;
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Nun hackt er's klein und kraus
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Und trägt das Holz nach Haus
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Und legt von Zeit zu Zeit
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In den Ofen ein Scheit.

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Das größte Scheit von allen
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Ist uns fürs Haus gefallen;
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Das soll die Magd uns holen,
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So legen wir's auf die Kohlen;
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Das soll die ganze Wochen
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Uns unsre Suppen kochen.
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Oder willst du lieber Brei?
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Das ist mir einerlei.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Rückert
(17881866)

* 16.05.1788 in Schweinfurt, † 31.01.1866 in Neuses

männlich, geb. Rückert

deutscher Dichter, Übersetzer und Orientalist (1788–1866)

(Aus: Wikidata.org)

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