1.

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Friedrich Rückert: 1. (1821)

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Unvergleichlich blüht um mich der Frühling,
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In die Fenster schlagen Nachtigallen,
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Heiter blickt der Himmel her, die Sonne
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In das Stübchen, wo ich sitz' und dichte.
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Mehr als Blumen im Gefilde, sprossen
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Lieder täglich unter meiner Feder.
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Und vom Flore meiner Blätter blick' ich
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Zwischenhin auf den des Frühlings draußen,
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Lächl' ihm zu und seh' ihn wieder lächlen.
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Jeder von uns beiden scheint zufrieden
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Mit sich selbst und mit dem andern, jeder
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Thut und läßt den andern thun das Seine.
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Und, den Tag lang dichtend, denk' ich immer
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An den Abend, wo, zu süßen Tagwerks
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Süßem Lohn, ich gehe zu der Guten,
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Die mit treuer anspruchloser Neigung
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Mich beglückt, wie ich es nie mir träumte.
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Hab' ich doch allein für sie gedichtet,
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Wie der Frühling sich für sie nur schmückte.
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Und sie freut sich meiner Liedesblüten,
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Wie der Kränze, die der Lenz ihr bietet,
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Teilt ihr Lächeln zwischen beiden Freunden,
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Die einander nicht den Anteil neiden.
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Lieben, dichten und den Frühling schauen,
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Dichten und den Frühling schaun und lieben –
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Gibt es einen angenehmern Kreislauf,
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Als in dem ich spielend mich bewege?
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Und, den süßen Kelch mir scharf zu würzen,
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Rascher zum Genuß mich aufzufordern,
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Steht der Abschied winkend in der Ferne.
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Näher treten seh' ich ihn bedeutsam,
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Sprechend: Alles dieses mußt du lassen.
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Wie das Leben schön ist, weil es endet,
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Wie die Jugend lieblich, weil sie fliehet,
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Wie die Rose reizend, weil sie welket;
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So empfind' ich heut ein Glück gedoppelt,
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Das mir morgen schon der Tod will rauben.
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Angefangne Lieder möcht' ich enden,
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Doch unendlich quellen sie im Herzen.
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Rosenknospen möcht' ich noch im Garten
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Sich zur Blüt' erschließen sehn und brechen.
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Und die Sonne dieser tiefen Augen,
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Die mit jedem Blick von Seelentreue,
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Ew'ger Fülle der Empfindung sprechen,
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Möcht' ich ganz noch in die Seele trinken.
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Laß, o Herz, dich nicht vom Drang verwirren,
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Sondern nimm, was du noch darfst, besonnen:
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Diese ungebornen Lieder alle,
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All die Hoffnung dieser Rosenknospen,
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Diesen Frühling, diesen Liebeshimmel,
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All dies Glück, o fass' es, wenn du scheidest,
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In ein liebendes Gefühl zusammen,
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Nimm es mit! Wer kann's der Seele rauben?
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Die Erinn'rung wird davon sich nähren,
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Wenn die Gegenwart die süße Nahrung
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Dir versagt, woran dein Herz gewöhnt ist.
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Phantasie und Liebe, deren Flügel
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Nicht der Zeit, der Räume Trennung achtet,
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Wird, wo du auf öden Steppen weilest,
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Jeden Augenblick zurück dich tragen
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In das Paradies, das du verlassen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Rückert
(17881866)

* 16.05.1788 in Schweinfurt, † 31.01.1866 in Neuses

männlich, geb. Rückert

deutscher Dichter, Übersetzer und Orientalist (1788–1866)

(Aus: Wikidata.org)

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