Die Straßburger Tanne

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Friedrich Rückert: Die Straßburger Tanne (1827)

1
Bei Straßburg eine Tanne
2
Im Bergforst, alt und groß,
3
Genannt bei jedermanne
4
Die große Tanne bloß,
5
Ein Rest aus jenen Tagen,
6
Als dort noch Deutschland lag;
7
Die ward nun abgeschlagen
8
An diesem Pfingstmontag.

9
Da kamen wie zum Feste
10
Zusammen fern und nah'
11
In ganzen Scharen Gäste,
12
Und sahn das Schauspiel da.
13
Sie jauchzeten mit Schalle,
14
Als niedersank ihr Kranz,
15
Und hielten nach dem Falle
16
Im Forsthaus einen Tanz.

17
Hat einer wohl vernommen,
18
Was, als die Wurzel brach,
19
Im Herzen tief beklommen
20
Zuletzt die Tanne sprach?
21
Ein Widerhall vernahm es,
22
Der trug von Ziel zu Ziel
23
Es weiter, und so kam es
24
Hier in mein Saitenspiel.

25
So sprach die alte Tanne:
26
Ich stehe nun der Zeit
27
Hier eine lange Spanne
28
In dieser Einsamkeit,
29
Von dieses Berges Gipfel
30
Mich streckend in die Luft;
31
Es webt um meine Wipfel
32
Noch der Erinn'rung Duft.

33
Ich sah in alten Zeiten
34
Die Kaiser und die Herrn
35
Im Lande ziehn und reiten;
36
Wie liegt das heut so fern!
37
Da mocht' ich wohl mit Rauschen
38
Sie grüßen in der Nacht,
39
Und mit den Winden tauschen
40
Gespräch von deutscher Macht.

41
Dann kam die Zeit der Irrung,
42
Des Abfalls in das Land,
43
Voll schmählicher Verwirrung,
44
Da ich gar traurig stand;
45
Es klirrten fremde Waffen,
46
Es zuckte mir durchs Mark,
47
Ich sah die Zeit erschlaffen,
48
Und blieb kaum selber stark.

49
Den Himmel sah ich säumen
50
Ein neues Morgenrot,
51
Es scholl aus fernen Räumen
52
Der Freiheit Aufgebot;
53
Ich sah auf alten Bahnen
54
Die neuen Deutschen gehn,
55
Die lang entwohnten Fahnen
56
Vom Rheinstrom her mir wehn.

57
Da schüttelten die Winde
58
Mein altes Haupt im Sturm;
59
Vor Schreck entsank der Rinde,
60
Der sie genagt, der Wurm:
61
Nun werden deutsch die Gauen,
62
Vom Wasgau bis zur Pfalz;
63
Und wieder wird man bauen
64
Hier eine Kaiserpfalz.

65
Doch als das große Wetter
66
Eilfertig, ohne Spur,
67
Wie Windeshauch durch Blätter,
68
Dahier vorüberfuhr: –
69
Mein Wipfel ist geborsten,
70
Es wird nicht mehr der Aar
71
In diesen Forsten horsten,
72
Der meine Hoffnung war.

73
Lebt, Adler, wohl und Falken!
74
Ich fall' in Schmach und Graus,
75
Und gebe keinen Balken
76
Zu einem deutschen Haus;
77
Man wird hinab mich schleppen,
78
Und drunten aus mir nur
79
Versehn mit neuen Treppen
80
Mairie und Präfektur.

81
Doch, jüngre Waldgeschwister,
82
Ihr hauchet frischbelaubt
83
Teilnehmendes Geflister
84
Um mein erstorb'nes Haupt;
85
Euch alle sterbend weih' ich
86
Zu schönrer Zukunft ein,
87
Und also prophezei' ich,
88
Wie fern die Zeit mag sein:

89
Einst einer von euch allen,
90
Wenn er so altergrau
91
Wird, wie ich falle, fallen,
92
Gibt Stoff zu anderm Bau,
93
Da wohnen wird und wachen
94
Ein Fürst auf deutscher Flur;
95
Dann wird mein Holz noch krachen
96
Im Bau der Präfektur.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Friedrich Rückert
(17881866)

* 16.05.1788 in Schweinfurt, † 31.01.1866 in Neuses

männlich, geb. Rückert

deutscher Dichter, Übersetzer und Orientalist (1788–1866)

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.