Zum Neujahr 1816

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Friedrich Rückert: Zum Neujahr 1816 (1827)

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Im Schoß der Mitternacht geboren,
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Worin das Kind bewußtlos lag,
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Erwacht, zum Leben jetzt erkoren,
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Das Jahr am ernsten Glockenschlag.
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An seiner Wieg' ein Engel sitzet,
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Dem vom zwiefachen Angesicht
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Zwiefacher Glanz des Lebens blitzet,
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Hier Abendrot, dort Morgenlicht.

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Hier mit dem abendroten Blicke
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Schaut er nach Westen hin und sinnt,
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Zusammenfassend die Geschicke
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Der Jahre, die vorüber sind:
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Dort mit dem Morgenantlitz wendet
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Er sich erwartungsvoll zum Ost,
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Dem, was von dort die Zukunft sendet,
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Entgegenblickend still getrost.

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Dann, während in des Engels Mienen
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Das Abendrot stets matter glüht,
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Und immer heller ist erschienen
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Auf ihnen, was wie Morgen sprüht;
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Nimmt er das Kind aus seiner Wiegen,
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Und aus des Engels Auge bricht
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Die Thräne, die darein gestiegen,
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Indes sein Mund zum Kindlein spricht:

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O du, der jüngste jetzt der Söhne,
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Die unsre Mutter Zeit gebar,
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Sei mir in deiner Unschuld Schöne,
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Sei mir gegrüßt, du junges Jahr!
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Schon manches hab' ich aus der Wiege
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Genommen und zu Grab gelegt,
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Damit ans Licht ein andres stiege,
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Und süße Hoffnung stets gehegt:

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Die Hoffnung aller Welt und meine,
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Die jedem Jahr entgegentönt,
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Ob endlich einmal das erscheine,
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Von welchem sei das Werk gekrönt,
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Ob endlich das sei abgebrochen,
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Von welchem uns erfüllet sei,
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Was von den vor'gen ward versprochen?
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Wenn du das bist, so sag' mir's frei.

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Ich kann durch meiner Rührung Zähren
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Nicht deine Züge deutlich sehn;
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Ein Lächeln scheint sie zu verklären:
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Sprich, soll durch dich uns Heil geschehn?
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Willst du nicht wieder täuschend schwinden,
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Wie vor dir deiner Brüder g'nug,
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Daß wir den Glauben wieder finden,
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Den uns geraubt der Zeiten Lug?

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Willst du den bangen Knäul entwirren,
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Der um der Menschheit Brust sich schlang,
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Und lösen ird'scher Zwietracht Klirren
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Auf in harmon'schen Sphärenklang?
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Aufführen aus bewegten Stoffen
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Den Bau, der auf sich selbst kann ruhn?
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Kurz, was wir wünschen, was wir hoffen,
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Ja, was wir fordern, willst du's thun?

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O seligstes der Zeitenkinder,
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Wenn das Geschick das Amt dir beut,
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Zu sein der Ernte Garbenbinder,
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Die jene vor dir ausgestreut!
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So wünsch' ich dir vom Himmel heuer
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Den besten Sonnenschein, der frommt,
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Daß in die große Völkerscheuer
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Der Weizen unberegnet kommt.

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So wünsch' ich, daß ein neues Leben
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Der alten Erde Mark durchdringt,
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Daß aus des nächsten Herbstes Reben
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Uns goldnes Heil entgegen springt;
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Daß bei des Jahres Brot und Weine
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Frei unter offnem Himmelssaal
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Die Völker feiern im Vereine
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Das große Bundesabendmahl.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Rückert
(17881866)

* 16.05.1788 in Schweinfurt, † 31.01.1866 in Neuses

männlich, geb. Rückert

deutscher Dichter, Übersetzer und Orientalist (1788–1866)

(Aus: Wikidata.org)

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