[o Bild von meinem Knaben]

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Friedrich Rückert: [o Bild von meinem Knaben] (1827)

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O Bild von meinem Knaben,
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Du bist nicht ganz getroffen,
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Und doch so sprechend ähnlich,
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Will das sich widersprechen?
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Ich weiß es auszugleichen,
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Und löse so das Räthsel.

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Als ich in meiner Burg hielt,
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Das heißt in meinem Hause,
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Den Freund von Hildburghausen,
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Und ihm der Geist es eingab,
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Zum Unglück um zum Glücke,
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Zum leid'gen Trost im Leide,
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Mit Farbenglanz ein Scheinbild
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Des Lebens zu erschaffen,
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Und mir ins Haus zu stiften
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Zu ewigem Gedächtniß,
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Von meinen beiden Kindern,
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Die früh erblassen sollten;
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Da malt er erst das Mädchen,
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Das nun zuerst gestorben,
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Darauf nach vierzehn Tagen
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Den Knaben, der dem Mädchen
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In vierzehn Tagen nachstarb.
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Wie wenig sah er damals
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Zum Sterben aus, zum Welken,
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Der Lebensblüthenreiche;
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Der Blüthenlebensvolle!
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Da saß er gegenüber
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Dem Maler in der Kammer,
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Der vor der Staffelei saß,
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Von der Natur gemalet,
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Ein Bild der Liebesanmuth.
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Mit Lächeln, das zum Voraus
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Beschämend, das der Zauber
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Der Kunst ihm wollt' entwenden;
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Dem Künstleraug' entgegen
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Mit kühner Unschuld haltend
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Den Abgrund seiner Augen,
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Die unbewußten Trotzes
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Zum Kampf den Pinsel fordern,
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Ein dunkles Licht zu malen.

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Ich ließ in diesem Kampfe
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Den Bildner und das Urbild
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Und schrieb an meinem Stehpult
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Im Zimmer an der Kammer.
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Doch konnt' ich viel nicht schreiben,
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Denn immer mußt' ich lauschen
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Dem nebenan inzwischen
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In Gang gekommen, strömend
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Im Zug erhaltnen Sitzungs-
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Gespräche meiner Nachbarn.

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Der Künstler hat den Grundsatz,
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Und auch dazu die Gabe,
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Im Sprechen so viel möglich
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Die Sitzenden zu setzen,
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Daß ihre Mienen sprechen,
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Und so dann auch die Bilder.
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Und diesem Umstand dank' ich's
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(somit lös' ich das Räthsel),
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Daß ich das Bild des Knaben
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Nun sprechend ähnlich finde,
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Wenn auch nicht ganz getroffen.
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Der Maler traf die Züge,
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Die Mienen, die belebten,
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Die hielt er fest, die Worte,
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Die sie belebten aber,
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Ließ er dabei verfliegen;
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Womit konnt' er sie halten?
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Ich aber hab' im Ohre,
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Dem lauschenden, behalten
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Den süßen Schwarm von Bienen,
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Der dieser Rosenknospe
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Des Mundes honigduftend
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Entquoll, vom Athem trunken.
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Und seh' ich nun das Bild an,
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So hängen sich die Trauben
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Von Bienen an die Rose,
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Und summen ins Gemüth mir
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Schwermüthge Schwärmereien,
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Ansprechend mit dem Nachklang
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Der nun versiegten Quelle
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Des kindlichen Geschwätzes,
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Ansprechend die Erinnrung
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Im tiefsten Grund der Seele,
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Um ew'ge Lieb' und Trauer
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Und Freud' am schönen Bildniß.
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So wird das Bild nun freilich,
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Als wie zu mir, zu keinem
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Beschauer sprechen können,
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Der es nur sieht, nicht hört auch.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Rückert
(17881866)

* 16.05.1788 in Schweinfurt, † 31.01.1866 in Neuses

männlich, geb. Rückert

deutscher Dichter, Übersetzer und Orientalist (1788–1866)

(Aus: Wikidata.org)

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