Blumen im Garten!

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Friedrich Rückert: Blumen im Garten! Titel entspricht 1. Vers(1827)

1
Blumen im Garten!
2
Ich red' euch an mit Seufzern, statt mit Worten;
3
Ihr könnt von mir nicht andern Gruß erwarten.

4
Blumen im Garten!
5
Antwortet mir mit Düften, statt mit Worten;
6
Ich darf nicht andre Gegenred' erwarten.

7
Blumen im Garten!
8
Ihr zeigt ein einzig Bild mir aller Orten,
9
Und seid nur scheinbar von verschiednen Arten.

10
Blüte vom Veilchen!
11
Mich athmet an aus deinem Duft ein Seelchen;
12
Daß es hervorkomm' harr ich schon ein Weilchen.

13
Blühnde Resede!
14
In dem von Bienen dir gesummten Liede
15
Vernehm ich meiner Kinder Honigrede.

16
Blüte der Winde!
17
Der Tag ist an der Mitt' und du am Ende,
18
O Zarte, wie verblühest du geschwinde!

19
Blühnde Mohne!
20
Ein Blinder mäht im Garten Blumenhäupter,
21
Er hat getroffen meine Freudenkrone.

22
Blühnde Hortense!
23
Blüh' nicht so stolz! es wird zur schwachen Binse
24
Der stärkste Stamm vor dieser scharfen Sense.

25
Blühende Narzisse!
26
Wie blickest du mich an mit großem Auge,
27
Als fragtest du, was ich im Garten misse!

28
Lilie vom Schwertchen!
29
Du hast dich auch nicht widersetzt dem Diebe,
30
Der Nachts die schönsten Blumen stahl vom Gärtchen.

31
Blühndes Tazettchen!
32
Zu blühn sind dir verliehn kaum soviel Tage,
33
Als deinem Blütensterne Strahlenblättchen.

34
Tulpen, Tulpanen!
35
Wenn ihr im Sonnschein wanket, gleicht ihr meinen
36
Zwei Närrchen, den buntfarbig angethanen.

37
Blühnde Päone!
38
Ein Taubenpärchen sitzt in dir, ich meine,
39
Es ist mein Töchterchen mit meinem Sohne.

40
Blüte der Nelke!
41
Das unterscheidet dich vom Blumenvolke;
42
Sie duften frisch, du duftest noch als welke.

43
Nelkchen mit Federn!
44
Wenn Lüftchen euern Federhut entfiedern,
45
So denkt: im Sturme zittern selbst die Cedern.

46
Blüten vom Rasen!
47
Lichtchen, die meine Wichtchen einst ausbliesen!
48
Nun sind sie wie die Lichtchen ausgeblasen.

49
Hälmchen und Gräschen!
50
Wer rupft euch nun? und wer zertritt das Wieschen?
51
Zwei Häschen spielten Rupfe Rupfe Räschen.

52
Gretchen im Busche!
53
Versteck dich besser nur, daß dich nicht hasche
54
Der schwarze Mann, und dir vorüber husche!

55
Syringendoldchen!
56
Du wendest immer noch dein schlankes Hälschen
57
Zum Fenster dort, als säh' heraus mein Holdchen.

58
Blühndes Maßliebchen!
59
Noch meß' ich in Gedanken hier das Leibchen,
60
Wie sonst an meinem Leib es maß das Liebchen.

61
Blüthe der Klitsche!
62
Dich an der Hand zerschlagend, daß es klatsche,
63
Denk' ich, daß ich im Scherz mein Ernstchen pritsche.

64
Blühende Radel!
65
Dir dank' ich's, daß du einst mein liebes Mädchen
66
Ins Näschen stachst mit deiner Busennadel.

67
Blühende Wicke!
68
Wenn ich dich pflück' und an den Busen stecke,
69
Begreifst du wohl, wen ich in dir erblicke!

70
Blühnde Granate!
71
Ein Hütchen trug von solcher Purpurröthe
72
Mein Bübchen, ein Geschenk von seiner Pathe.

73
Farb'ge Ranunkeln!
74
Ein Schleier quillt aus meinen Augenwinkeln,
75
Der will dies Jahr mir euern Glanz verdunkeln.

76
O Immortellchen!
77
Zwei zarte Seelchen seh' ich euch umflattern,
78
Es ist mein Schmetterling und mein Libellchen.

79
Am Rosmarine,
80
Zählt' ich die blauen Blüten, da war keine,
81
Die nicht ein blasses Todeslächeln schiene.

82
O Spikenarden!
83
Verwandelt sind mir eure Stengel worden
84
In lauter rost'ge Todeshellebarden.

85
O Balsaminen!
86
Wenn eure Kapseln springen, gleicht ihr meinen
87
Zwei Kindchen, so zersprang das Herzchen ihnen.

88
O Balsaminen!
89
Selbst will ich meinen Wunden Balsam weinen,
90
Ich suche keinen andern Balsam ihnen.

91
Blühnde Aglaie!
92
Dich schrumpfet rauhe Luft und welket laue;
93
O daß der Mai dir milden Maitag leihe!

94
Blüte der Primel!
95
Dein Aug', in dem sich nächtlich Thränen sammeln,
96
Blickt bald zum Boden, bald empor zum Himmel.

97
Stock der Aurikeln!
98
Du trugst an einem Stiel so viele Blütchen,
99
Ein Pärchen starb, nicht konnt' es sich entwickeln.

100
O Blütenglocke!
101
Es schmeicheln dir die hellsten Sonnenblicke,
102
Entfalte dich zur Freude deinem Stocke!

103
O blühnde Glocke!
104
Dich traf der Neid mit einem bösen Blicke,
105
Du welkest hin zur Trauer deinem Stocke!

106
Verblühte Glocke!
107
O daß der Himmel einen Regen schicke!
108
Nicht dir zum Leben, sondern deinem Stocke!

109
Zwiebeln und Lauche!
110
Ihr seid verbannt aus meinem Gartenreiche,
111
Weil ich zum Weinen keinen Anreiz brauche.

112
Pflanzen in Beeten!
113
Oft klagt' ich, daß die Kinder euch zertraten,
114
Nun klag' ich, daß sie nicht mehr euch zertreten.

115
Schoten der Böhnchen!
116
Großvater muß euch heu'r allein enthülsen,
117
Vergangnen Herbst half ihm das Lieblingssöhnchen.

118
Türkischer Weizen!
119
Reif' sicher! Niemand wird dein Kölbchen ritzen,
120
Du wirst dies Jahr nicht meine Kälbchen reizen.

121
Brombeern und Himbeern!
122
Sie aßen euch für Maulbeern und für Weinbeern,
123
Ihr herben, und verzogen nicht die Wimpern.

124
Erdbeer und Brossel!
125
Nun schlingen dich nicht Drossel mehr und Amsel,
126
Des Todes Schlinge liegt an ihrer Drossel.

127
Blüte der Distel!
128
Wer fing dir weg den Distelfink und Zeisig?
129
Die Ruthe mit dem Vogelleim der Mistel.

130
Wachse Kukummer!
131
Soviel sind Kern' in deiner Herzenskammer,
132
Soviel in meiner Körner sind von Kummer.

133
Blüh', Kamm vom Kümmel!
134
Mein Kummer liebt wortspielendes Gestammel,
135
Wie zarter Kinderstimmchen Wortgestümmel.

136
Grünende Kressen!
137
Verschlungne Züge zweier Namen sä' ich,
138
Als ob ich fürchtete sie zu vergessen.

139
Grünendes Wieschen!
140
Großmutter heißt Luis', es heißt die Mutter
141
Luis', es hieß ihr Töchterchen Luischen.

142
Grünendes Erlchen!
143
Was fehlt dem August, Leo, Heinrich, Karlchen?
144
Ihr Ernstchen und ihr Schwesterchen, das Perlchen.

145
Lauschende Pappeln!
146
Das eine Mädchen seht ihr nicht mehr trippeln,
147
Und einen Jungen wen'ger hört ihr trappeln.

148
Blühnde Akazie!
149
So zärtlich werden nicht die vier mehr spielen;
150
Ein Amor fehlt dem Spiel und eine Grazie.

151
Blühe mein Neuseß!
152
Es weint der Bach am Garten hin des Hauses,
153
Die Turtel klagt im Duft des Waldgesträußes.

154
O Turteltaube!
155
Du machst das Wasser, eh' du trinkest, trübe,
156
Und ruhst auf keinem Ast mit grünem Laube.

157
O Bogelbeerchen!
158
Zum Spielwerk trag' ich euch nicht mehr nach Hause,
159
Seit weggeflogen ist mein Vogelpärchen.

160
Röthelnde Kirschchen!
161
Ihr werdet auch dies Jahr gegessen werden,
162
Wenn auch nach euch nicht springt empor mein Hirschchen.

163
Blüh' Amorellchen!
164
Im Bettchen schläft ein goldnes Amorettchen,
165
Hat ein Goldammerchen zum Schlafgesellchen.

166
Blüte der Pflaume!
167
Fall' ab und werde keine Frucht! die Blume
168
Fiel ab, die ich wollt' auferziehn zum Baume.

169
O Stadelbirne!
170
Du fällst gewiß vom Baum nun nicht so gerne;
171
Sonst las dich auf mein Bub und meine Dirne.

172
O Stadelbirnchen!
173
Du triffst nicht mehr mit deinem harten Kernchen
174
Sein weiches Hälschen und ihr zartes Stirnchen.

175
Stein'ge Kornellchen!
176
Ich nenn' euch lieber Ziserchen, denn solchen
177
Spielnamen gaben euch zwei Spielgesellchen.

178
Blüh', Seidenpflänzchen!
179
Mein Seidenhäschen ist gerupft vom Iltis,
180
In Dohnen ist gehupft mein Seidenschwänzchen.

181
Johannisträubchen!
182
Johanniswürmchen ist verglimmt, geworfen
183
Sind ins Johannisfeuer dürre Läubchen.

184
Weine, Weinrebe!
185
Der Winzer stutzet dir die jüngsten Triebe,
186
Damit er Anlaß dir zum Weinen gebe.

187
Weinrebenlaube!
188
Die herben Frühlingsthränen deiner Liebe
189
Versüßt der Herbst zur beerenreichen Traube.

190
Blüte der Quitte!
191
Du trägst die Früchte nur für's Krankenbette;
192
O trag mir keine Früchte mehr, ich bitte.

193
Blüten der Mandeln!
194
Geht, leget euch aufs Grab als Rosawindeln,
195
Um es in eine Prunkwieg' umzuwandeln.

196
Blühnde Liane!
197
Ans Herz gewachsen deinem Stamm! er blutet,
198
Wie du wirst losgerissen vom Orkane.

199
Baum vieler Aeste!
200
Bist unversehrt an Wurzeln und am Baste,
201
Doch trauerst du, als fehle dir das Beste.

202
Baum vieler Aeste!
203
Als ob auf dir der Druck des Himmels laste,
204
So senkst du deine grünen Laubpaläste.

205
Baum vieler Aeste!
206
Ein Vogelpärchen war bei dir zu Gaste,
207
Das wissen alle stummen Sommergäste.

208
Baum vieler Aeste!
209
Dich traf der Frost doch nur an einem Aste;
210
Wie trauerst du nun mit dem ganzen Reste?

211
Baum vieler Aeste!
212
Es traf die jüngsten Blüthentrieb' am Aste;
213
Womit sollst du nun blühn am Frühlingsfeste?

214
Bäume der Wälder!
215
Ihr alle werdet, lichte Frühlingsbilder,
216
Des Winters Brennstoff später oder bälder.

217
Blumen im Thale!
218
Ihr habt bald Sonnenschein, bald Mondenschimmer,
219
Doch immer Thränenthau in eurer Schale.

220
Blühender Ginster!
221
Vom Berg herüber glänztest du ins Fenster
222
Mir sonst um Pfingsten, heuer bleibst du finster.

223
Blüh', goldner Regen!
224
Von Kindern, war um mich ein goldner Reigen,
225
Daß Stern' am Himmel keinen goldner regen.

226
O Weimuthskiefer!
227
Ich kenne nicht den Weimuth, nur den Wermuth,
228
O Wermuthskiefer, Wehmuths-Schwermuthskiefer.

229
Grünende Lerche!
230
In deinem Schatten wach' ich früh und horche,
231
Ob nicht die Schläfer weckt die Morgenlerche.

232
Zweige der Fichten!
233
Ihr schmücktet mir noch einmal zu Weihnachten
234
Das Kinderfest, um dann es zu vernichten.

235
Eiche mit Eicheln!
236
Ans Kettchen wollt' ich ein Eichkätzchen kaufen,
237
Weil sie nicht mehr das Kätzchen mochte streicheln.

238
Galläpfelgallen!
239
Ihr wachst an jedem Blatt, um zu vergällen
240
Dies Jahr als Galle aller Nachtigallen.

241
O Birkenreiser!
242
Als Birkenruthen saustet ihr gestrenger,
243
Jetzt säuselt ihr als Trauerbirken leiser.

244
Hangende Weide!
245
Die Betzchen, die du trugst, sind abgefallen;
246
Mein Betzchen geht nicht mehr auf seiner Weide.

247
Wilder Wachholder!
248
Du wächst im Wald im Winter wie im Sommer;
249
Mein Holder schläft, ich ruf' umsonst: Wach Holder!

250
Blühender Flieder!
251
Goldkäferchen betäubt in deinen Düften
252
Ist eingeschlafen, wann erwacht es wieder?

253
Laube der Buchen!
254
Ich schlief in dir, nun muß ich beim Erwachen
255
Umsonst nach den im Traum gesehnen suchen.

256
O Traumgegaukel!
257
Mir war's als schaukelten sie dort im Winkel;
258
Hin seh' ich, und es regt sich noch die Schaukel.

259
O Schaukelwiege!
260
Ihr Aermchen schlang sie fest um dich, die zage,
261
Die fürchtete, daß sie im Schwung entfliege.

262
O Rosenhecken!
263
Durch euch trug ich die Ros' auf meinem Nacken,
264
Ihr tragt nun ros'ges Leid an allen Ecken.

265
Rose du rothe!
266
Tauch' erst dein Wangenroth in Morgenröthe,
267
Dann zeige mir lebendig meine Todte!

268
Rose du bleiche!
269
Wenn jeder Anhauch dir von Röth' erbliche,
270
Dann säh' ich ganz in dir die schöne Leiche.

271
Rose du gelbe!
272
Du warest Neid, als meine rothe blühte;
273
Sie ist verblüht, und du bist noch dieselbe.

274
O Dornenrose!
275
So schmerzlich hat mich nie ein Dorn verwundet,
276
Als mich verwundete die Dornenlose.

277
O Zuckerröschen!
278
Ein Käfer nascht in deinem Zuckerhäuschen,
279
Wie einst mein Mäuschen nascht' im Zuckerdöschen.

280
O Zuckerröschen!
281
Mit Gold am Beinchen kommt aus dir ein Bienchen,
282
Stolz wie ein Bübchen in den ersten Höschen.

283
O Zuckerrose!
284
Dich traf ein Honigthau, kein Honigsauger
285
Saugt deinen Zucker mehr, o Zuckerlose!

286
O Centifolie!
287
Das Bild im Spiegel, du bist's und die Litie,
288
Die Blumen sind des Spiegelbildes Folie.

289
O blühnde Lilie!
290
Du führst den Scepter, und die Centifolie
291
Die Kron', ihr führt die Herrschaft der Familie.

292
Ein Trost der Augen
293
Hat mir geblüht, der mir nun ist entzogen,
294
O Augentrost, wozu kannst du mir taugen?

295
Den Trost der Augen,
296
Den ich aus lieben Augen einst gesogen,
297
O Augentrost, kann ich aus dir nicht saugen.

298
Marienschühlein!
299
Mein Mädchen flog wie ein Marienfädchen,
300
Es flog davon wie ein Marienkühlein.

301
O Tausendschönchen!
302
Ein Söhnchen ist, ein tausendfalt beweintes,
303
Mir schöner tausendmal, denn tausend Söhnchen.

304
Blüte der Aster!
305
Im Himmelsgarten tragen zwei Geschwister
306
Sternblumen auf der Hand von Alabaster.

307
O Nachtviole!
308
Schweig nur am Tag, und deinen Duft verhehle!
309
Nachts komm' ich, daß ich deinen Seufzer hole.

310
Jelängjelieber!
311
Wie ist mir nun je länger desto leider,
312
Was leider! desto kürzer war je lieber.

313
Blüh' Oleander!
314
Stets miteinander gingen meine Kinder,
315
Sie gingen auch zu Grabe mit einander.

316
Blüh' Oleander!
317
Wie sonst selbander kamen meine Kinder,
318
So kommen sie mir auch im Traum selbander.

319
Blume der Leber,
320
Hepatika! ich hätte nun nichts lieber,
321
Als hätt' ich hier im Garten ihre Gräber.

322
O Passione!
323
Du solltest schatten ihrem Leichensteine
324
Mit zartem Bild von Nagel, Kreuz und Krone.

325
O Gartenflore!
326
Wie wurdest du zum Trauerflor der Bahre,
327
Da ich dich sonst mir kor zum Freudenchore!

328
Blühendes Sinngrün!
329
Laß mich im Grünen sinnend ruhn; was außen
330
Den Sinnen welkt, im Sinne bleibt es ingrün.

331
Blühender Schneeball!
332
Du streutest auf mein Kind einst linde Flocken,
333
Das jetzt muß schlafen unter Sturm und Schneefall.

334
Vergißmeinnichtchen!
335
Vergiß mir nicht, in jedem Jahr zu tragen
336
Ein Liebesblickchen meiner beiden Lichtchen.

337
Vergißmeinnichtchen!
338
Vergiß mir nicht, dem Wiesenbach zu sagen:
339
Nie spiegeln sie in dir mehr ihr Gesichtchen.

340
O Trikolore!
341
Dreifarbig nicht, dreihundertfarbig bist du,
342
Nicht dreie sind ganz gleich im ganzen Chore.

343
O Trikolore!
344
Dich schmücken wechselnd alle lichten Götter,
345
Selene, Phöbos, Iris und Aurore.

346
O Trikolore!
347
Du spielst in Farbentönen, wie die Leier
348
Der Lieb' im Frühlingsregenbogenflore.

349
Wildblühnde Raute!
350
Ich reutete dich aus, wenn mich nicht reute
351
Ein grünes Blatt, auf das der Frühling thaute.

352
Wuchernde Quecke!
353
Die Raupe nagt am schönsten Rosenstocke,
354
Dir aber schadet weder Floh noch Schnecke.

355
Blühende Tremse!
356
Im Garten ist ein ewiges Gesumse
357
Von Flieg' und Mücke, Hummel, Wesp' und Bremse.

358
Blühnde Kamille!
359
Laut scherzen frohe Lüft' an jeder Stelle
360
Mit frohen Blumen, wir nur schweigen stille.

361
Stengel vom Lacke!
362
Du welkst; hat dich der Maulwurf untergraben?
363
Geschürft des Gärtners unvorsicht'ge Hacke?

364
Indische Feige!
365
Mir sproßt und treibt beständig Klag' aus Klage,
366
Wie dir ein neuer Zweig aus jedem Zweige.

367
Kraut der Cypresse!
368
Dich zieht ein Wurm hinein am zarten Fuße;
369
Pflanzt' ich dich dazu, daß der Wurm dich fresse?

370
Blüte der Blüten!
371
Ich breche dich, o schönste, vor den Gluten
372
Des Sommers wird dich Frühlingstod behüten.

373
Der Blumen Blume!
374
Man pflückt zum Sonntagsstrauß die schönst' im Raume,
375
Wenn man geschmückt will gehn zum Heiligthume.

376
O Königskerze!
377
Verblühend unten, blühst du in die Höhe;
378
Zum Himmel blüht die Lieb aus Todesschmerze.

379
Blume in Scherben!
380
Bestimmt fürs Winterzimmer, um in Farben
381
Zu stehn, wenn andre sich im Frost entfärben.

382
Blumen in Scherben!
383
Beglückter sind, die früh zum Himmel starben,
384
Als die auf Erden bleiben um zu sterben.

385
Blüte und Blume!
386
Im Raume müsset ihr verblühn, im Reime
387
Blüht ihr beständig zu der Liebe Ruhme.

388
Blume und Blüte!
389
Euch hab' ich anvertraut mein Liebstes heute;
390
Behütet mir's, wie euch der Lenz behüte!

391
Blüten und Ranken!
392
Ihr dienet gern zu Liebesangedenken,
393
O ihr der Liebe lieblichste Gedanken.

394
Blühende Fluren!
395
So oft auf euch der Frühling geht mit Floren
396
Erblick' ich meines Kinderpaares Spuren.

397
Blühende Triften!
398
Euch haben zwei, die noch nicht konnten schreiben,
399
Für mich beschrieben ganz mit Liebesschriften.

400
Blühende Auen!
401
Wo sie uns lächeln, wird die Sonne scheinen,
402
Und wo wir um sie weinen, wird es thauen.

403
Blühende Liebe!
404
Dies Blumenhundert blüht aus deinem Staube,
405
Und soll verblühn, daß es wie du zerstiebe.

406
Blühendes Leiden!
407
Und wenn der Liebe Kuß verwelkt hienieden,
408
So ist das Leid der Liebe zu beneiden.

409
Blühendes Hundert!
410
Weit übers Ziel bist du mit mir gewandert;
411
Der kennt nicht Leid noch Liebe, wen das wundert.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Rückert
(17881866)

* 16.05.1788 in Schweinfurt, † 31.01.1866 in Neuses

männlich, geb. Rückert

deutscher Dichter, Übersetzer und Orientalist (1788–1866)

(Aus: Wikidata.org)

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