Unzertrennliches, ach vom Tod getrenntes

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Friedrich Rückert: Unzertrennliches, ach vom Tod getrenntes (1827)

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Unzertrennliches, ach vom Tod getrenntes,
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Zartverschwistertes, durch Geburt und Neigung
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Für einander geschaffnes Vogelpärchen!
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O du Brüderchen, an der Schwester hangend,
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O du Schwesterchen, nicht vom Bruder lassend!
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In dem sonnigen Käfig, eurem Stübchen,
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Auf dem Stängelchen, eurem Stuhle, sitzend,
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Immer nebeneinander, aneinander.
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Saß das Brüderchen auf der rechten Seite,
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Und das Schwesterchen links, so ließ sein Köpfchen
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Links das Brüderchen hangen, und sein Köpfchen
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Rechts das Schwesterchen, also daß die beiden
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Köpfchen leise sich ohne Druck berührten.
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Saß das Brüderchen aber auf der linken,
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Und das Schwesterchen auf der rechten Seite,
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Denn sie pflegten in diesem Stück zu wechseln,
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War das Hängen der Köpfchen auch gewechselt,
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Daß sie gegeneinander wieder neigten.
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So war euere Neigung gegenseitig,
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So war euere Liebe wechselwirkend,
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Ohne Wechsel als den der äußern Stellung.
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Was ihr aßet, das aßet ihr zusammen,
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Und ihr tranket zusammen, was ihr tranket;
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Was ihr spieltet und scherztet, sangt und spranget,
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Was ihr lebtet, das lebtet ihr zusammen.
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Und so seid ihr zusammen auch gestorben.
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Als das Schwesterchen mit zerdrückter Brust lag,
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Eingedrückt von des Geiers ehrnen Krallen,
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Jenes Geiers, vor dem den Lebensvogel
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Kein Goldkäfig der Liebe kann beschützen;
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Ließ das Brüderchen auch das Köpfchen hangen,
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Nicht zur linken und nicht zur rechten Seite,
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Sondern grad' auf die Brust, und hob's nicht wieder.
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Und nun laßt uns zusammen sie begraben,
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Unter Thränen, am Fuß des Lebensbaumes,
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Wo wir klagen um sie im dunkeln Schatten.
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Doch sie selber entschwingen sich geflügelt
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Auf die sonnigen Wipfel hin und singen,
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Goldfrucht pickend und Nektarkelche nippend,
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Auf den Zweigen des Lebens schaukelnd, eines
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Nächst am andern, wie einst auf ihrem Stängchen;
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Hangen lassen sie nur nicht mehr die Köpfchen,
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Sondern heben sie freudig gen einander.
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Wohl gefall' es dir dort, und wohl ergeh dir's,
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Im Genügen der Liebe, nicht vermissend
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Die dich Missenden hier, mein Vogelpärchen,
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Unzertrennliches, nicht vom Tod getrenntes!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Rückert
(17881866)

* 16.05.1788 in Schweinfurt, † 31.01.1866 in Neuses

männlich, geb. Rückert

deutscher Dichter, Übersetzer und Orientalist (1788–1866)

(Aus: Wikidata.org)

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