Mein Freund du, gebrochenes Auge nun

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Gerrit Engelke: Mein Freund du, gebrochenes Auge nun Titel entspricht 1. Vers(1917)

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Mein Freund du, gebrochenes Auge nun,
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Gebrochener Blick wie der des erschossenen Hasen
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Oder verächtlichen, kalten Verräters –
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Zwölf Jahre gemeinsam sprang uns der Zeitwind entgegen,
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Schweigsam teilten wir Bücher und Brot,
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Teilten im Schulhaus die Bänke,
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Des Lebenshindranges rauschende Not,
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Einigen Sinnes Erkennung und Lehre,
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Freund, dein Auge ist tot.

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Darum deine Mutter im Kummer nun geht,
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Harmvoll, seufzend, doch schlicht in der Menge,
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Darum Klein-Schwester, Klein-Brüder zu frühe schon spüren
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Verfinsternd qualmendes Schicksalgewitter
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Und mächtiges Mähen des Todes.
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Leer ist dein Bett in der ärmlichen Kammer
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Und dein Platz am Tische des Mittags.
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Und darum, daß niemand mehr wartet auf dich,
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Geht grau deine Mutter im Kummer.

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Du wärst eine Wurzel, ein Saatkorn,
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Ein trotzender Keim in den Furchen des Lebens,
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Ein bärtiger Vater von freundlichen Kindern geworden.
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Ein schmerzenzerpflügtes Ackerland fraß dich,
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Ein blutbedüngter Acker verdarb dich,
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Der weise und ewige Säer zertrat dich.
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Wer hadert und redet von Schuld?
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Doch wärst du ein Saatkorn und wärest ein Vater!

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Du wärest das Saatkorn – und wurdest doch Opfer;
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Ein tausendstel Gramm nur, ein blutendes Fleisch
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Fielst du auf blutleerer Leichen unendlich Gebirge.
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Ist auch dein Tod nicht mehr denn ein anderer Tod.
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Marschierten doch Tausend und Tausende rhythmischen Schrittes
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Hinweg in das qualschwarze Nichts,
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Regiment und Brigade, Armee und Armeen
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Ins blutigbefleckte Ruhm-Reich des toten Soldaten.
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Du wurdest ein Opfer.

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Der Brimont ist kahl und sein Wald ist zerschroten,
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Keine Fichte verschont, dir daraus ein Grabkreuz zu schlagen.
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So liegst du stumm in zertrümmertem Boden,
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In brustbedrückendem, traumlosen Schlummer.
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Nicht Held, noch Führer – Soldat nur, unbekannt.
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Gebein im Wind der Verwesung.
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Doch des gewaltigen Friedens unzählbare, selige Glanzlegionen,
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Wenn ehern und klirrend sie über dein Grabfeld marschieren,
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Wirst du erschauernd einst hören,
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So horche und harre darauf.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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