Ziegelstein an Ziegelstein mit Kalk und Schweiß geklebt –

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Gerrit Engelke: Ziegelstein an Ziegelstein mit Kalk und Schweiß geklebt – Titel entspricht 1. Vers(1915)

1
Ziegelstein an Ziegelstein mit Kalk und Schweiß geklebt –
2
Rote, weißgefugte Mauer über Mauern strebt –
3
Winden knirschen – Hände heben, fassen –
4
Axtschall – roher Dachstuhl Richtfestbier –
5
Tür und Fensterglas ward eingelassen –
6
So wuchsest du in dieser Straße hier:

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Kummergraue, fünfstockhohe Mietskaserne.
8
Achtzigfensterbreite, mit dem Gärtchen schmal davor,
9
Mit dem Eisentor, der trüben Flurlaterne –

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Du Haus, das Jahr um Jahr vom Sonnenprall bemalt,
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Von Hagelschnee und Regensturz beträuft, bestrichen,
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Von Dämmerung umrauscht, von Winternächten überschlichen,
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Vom Mond, von Gaslaternenschein bestrahlt –
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Von Wagenfahrt erschüttert und von Straßenbraus,
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Von Kinderschrei, von Werkstattlärm durchzittert,
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Von Sterbezimmerschweigen schwül durchwittert –
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Du, des kleinen Lebens und des großen Todes Haus.

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Wer hat nicht diese Dielen, diese Schwellen schon beschritten,
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Hinter diesen Türen Sorge oder Liebe schon gelitten,
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Am Küchentisch das karge Brot gebrochen,
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Aus Zeitungen von Krieg und Politik gesprochen –
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All des Alltags Wandrer, die hier eingezogen:
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Arbeitsmann und junges Weib;
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Rentnerpaar, verarmt, vom Leben nur betrogen,
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Mit stillem Sinn, erloschnem Leib;
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Handwerksmeister mit den sieben lauten Jungen;
27
Schreiber, Händler, Lehrerstochter, die so gern gesungen – –

28
Wieviel schwarze Särge sah man auch hinunter schleppen.
29
Wieviel neue Mieter, neue Menschen kamen;
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Trugen Möbel, stiegen über diese Treppen,
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Andere Familien, andere Gesichter, andre Namen.
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Von deren Glück und Fluch und dringlichem Gebet
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Der Schatten noch in diesen Räumen weht.

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Geist der Väter, die hier feierabendlich versammelt waren,
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O' Geist der herben Mütter, die in diesen Wänden Kinder einst gebaren,
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Kleinkindergeist ins graue Licht der Not gezwängt –
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Beschirmt uns unter diesem Dache, da wir wohnen,
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Die wir, wie ihr auch einst mit Schweiß und Kraft der Arbeit fronen;
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Seid Ahnengeist, der mit Zufriedenheit beschenkt
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Und tiefe Schlummernächte nach dem schweren Tage senkt.

41
Und segnet uns das Brot, das heiß erworbene,
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Ungekannte, fortgezogne, still verstorbne
43
Menschengeister dieses Hauses.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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