O du lieber wilder Regen

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Clemens Brentano: O du lieber wilder Regen Titel entspricht 1. Vers(1810)

1
O du lieber wilder Regen
2
O du lieber Sturm der Nacht,
3
Da der Finsternis entgegen
4
Ich mein Licht nach Haus gebracht.

5
Sturm du warst ein Bild des Lebens,
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Licht du warst der Liebe Bild
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Das im Drang des Widerstrebens
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Leuchtet unter Jesu Schild.

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Doch ich bebe, zieht so brausend
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Spät der Sturm mir noch durchs Haar,
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Treibt das welke Laub mir sausend
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Noch im Kreis um den Altar.

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Meine Lampe flackert, lecket,
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Rußt die blanke Leuchte an,
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Zuckend hin und her geschrecket
16
Zeigt ihr Schein mir irre Bahn.

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Gleich' ich doch dem armen Schwimmer,
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Der zum teuren Ziele ringt,
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Den verführt von falschem Schimmer
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Bald das wilde Meer verschlingt.

21
Alles hab' ich sinken lassen,
22
Sinken alle Lust der Welt,
23
Eines treu ans Herz zu fassen,
24
Was mich über Meer erhält.

25
Eine Gott gefallne Blüte
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Trägt und hebt mein brennend Herz,
27
Treib o Woge die verglühte
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Asche endlich heimatwärts.

29
Aber diese Blüte kühlet
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Ewig mir die heiße Glut,
31
Nie verzehrt, die in mir wühlet,
32
Mich der Flamme irre Wut.

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O ertränk' mich wilder Regen,
34
Schleudre mich du Sturm der Nacht
35
Einem scharfen Fels entgegen,
36
Daß mein schwerer Traum erwacht.

37
Wind und Wasser um mich zanken,
38
Auf den Bahnen wankt das Licht,
39
Schwarze Wolken der Gedanken
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Stürzen vor das Weltgericht.

41
Soll ich fliehen, soll ich bleiben,
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O unnennbar liebes Gut!
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Wolle mich zum Ziele treiben,
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Wo die ganze Hoffnung ruht.

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Alles, was, im Sturm zu schiffen
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Einst mein banger Arm umfaßt,
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Treibt um mich, der selbst ergriffen
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Schwebt ohn' Steuer und ohn' Mast.

49
Eines ist mir nur geblieben,
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Eines, das ich nie verlor,
51
Ein unsterblich treues Lieben
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Reißt mich überm Meer empor.

53
Heil dir, die des Sturmes Zügel
54
Mir mit Kinderhänden lenkt,
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Und die reinen Himmelsflügel
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Segelnd durch die Nacht hin schwenkt.

57
Immergrüne Dornenkrone
58
Die die Rosen seelwärts flicht,
59
Daß der Leib aufschreit, o schone!
60
Und der Geist in Wonne bricht.

61
Ja ich trag' dich dicht am Herzen,
62
Du zerreißest mir die Brust,
63
Doch die Nesselglut der Schmerzen
64
Deckt mir eine heil'ge Lust.

65
Selig, gehst du treu zur Seiten,
66
Schweb' ich durch die Wetternacht,
67
Ist es doch ein süßes Leiden,
68
Wenn die fromme Lippe lacht.

69
O unnennbar lebend Sterben,
70
Himmelsbrot in Erdennot,
71
Lachen in uns selbst die Erben,
72
Macht der Tod die Wangen rot.

73
Tagsanbruch im Augenbrechen,
74
Glühnden Durst machst du zum Trank,
75
Dornen blühn, wenn Rosen stechen,
76
Erdenheil ist himmelskrank.

77
Wer bist du? mit müden Händen
78
Fasset dich ein letzter Traum,
79
Als die Nacht sich wollte wenden
80
Tratst du hell ihr auf den Saum.

81
Lichtes Sprosse – Himmelsleiter,
82
Füßchen steig' allein nicht auf,
83
Öffne doch die Türe weiter,
84
Treibe meinen müden Lauf.

85
O süß Kind, Geliebte, Schwester,
86
Schatten, Leben, Leid und Lust,
87
Alle Vöglein haben Nester,
88
Und mein Herz hat eine Brust.

89
An der Türe angekommen
90
Sprachst du mir ein freundlich Wort,
91
Hättst mich gerne aufgenommen,
92
Doch mein Richter trieb mich fort.

93
Kann ich einst zu ruhn verdienen
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Mit dir unter einem Dach,
95
Summen über uns die Bienen
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Auferstehungsblumen wach.

97
Blumenaug' im Morgengrauen
98
Traumberauscht von Tränentau
99
Wirst du nach dem Bruder schauen
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Perlen wiegend auf der Au.

101
Wirst süß duftend nicken, blicken
102
Flüstern zu des Gärtners Hand,
103
Sollst den Armen mit mir pflücken
104
Hab' zum Tod ihn treu erkannt.

105
Ja wenn ich erst kann verdienen,
106
Unter deinem Dach zu ruhn,
107
Ist der Morgen schon erschienen
108
Andres bleibt mir noch zu tun.

109
Muß noch einsam ringend steuern
110
Durch die wilde Wetternacht,
111
Bis zu allen Fegefeuern
112
Mir dein Flügel Kühlung facht.

113
O zu selig, daß ich Armer
114
Stehe in so edler Pein,
115
Daß ich ewig den Erbarmer
116
Seh' in des Gerichtes Schein.

117
Und so bin durch Wind und Wogen
118
Ich wie ein verlornes Kind
119
Durch die Blumen hingezogen,
120
Daß ich dir ein Sträußlein bind',

121
Und der Strauß den ich gepflücket
122
Ist das sturmverwirrte Lied,
123
Würd' er an dein Herz gedrücket,
124
Dann wär' er dem Herrn erblüht.

125
Als ich ihr dies Lied gelesen
126
Ward ich arm und todeskrank,
127
Ach und bin noch nicht genesen
128
Denn ich trank den Zaubertrank.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clemens Brentano
(17781842)

* 08.09.1778 in Koblenz-Ehrenbreitstein, † 28.07.1842 in Aschaffenburg

männlich, geb. Brentano

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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