[eine feine reine Myrte]

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Clemens Brentano: [eine feine reine Myrte] (1810)

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Eine feine reine Myrte
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Und ein Opfertaubenpaar
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Das im Traume girrend schwirrte,
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Küßt ein Hirte den Altar.

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Süße Rebe schlanker Ranken
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Weinbeer und Gedanken voll
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Ob man küssen die Gedanken,
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Ob die Beerlein denken soll.

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Schatz von Seelenlustjuwelen
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Schließt der Elfenbeinschrein ein
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Doch nur Küsse kann man stehlen
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Fest liegt's Himmelschlüsselbein.

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Ein verstummend Fühlgewächschen
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Ein Verlangen abgewandt
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Ein erstarrend Zitterhexchen
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Zuckeflämmchen nie verbrannt.

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Offnes Rätsel, nie zu lösen,
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Stäter Wechsel, fest gewöhnt,
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Wesen, wie noch keins gewesen
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Leicht versöhnt und schwer verschönt.

21
Ein beredsam tiefes Schweigen
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Ein Versteck, der offen liegt,
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Ganz ergossen, sich nur eigen,
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Ein Ergeben, nie besiegt.

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Sonnenwahr, ach glauben muß ich!
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Hoffen? möcht' ich – Wechselmond!
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Lieben? – weil ein Sternenkuß ich,
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Der an diesem Himmel wohnt.

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Köpfchen sinn- schier eigensinnig,
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Pfeildurchblitzte Lockennacht,
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Augen innig, Wangen minnig,
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Mundes Wunde schmachtend lacht.

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Nase üblich, Öhrchen lieblich,
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Läppchen Zuckertröpfchen lind,
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Kinn ein bißchen zu verschieblich,
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Wird betrüblich mein süß Lind.

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Auf dem Kehlchen wiegt das Köpfchen
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Blumenglöckchen auf dem Stiel,
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Seelchen, selig Taueströpfchen,
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Das hinein vom Himmel fiel.

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Reiner, feiner Nacken! sterben
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Möcht' in Küssen ich an dir
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Könnt' ich nur mein Küssen erben
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Ließ' ich gern mein Leben hier.

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Und die Schultern fein gesenket,
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Kühl und süß mein Haupt hier ruht.
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Träumet, flüstert, dichtet, denket
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Licht und Wort und Fleisch und Blut.

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Und nun küss' ich euch zwei Flügel,
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Küssend, sagt man, wächst der Flaum,
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Jenseits über süße Hügel
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Schwebet schon der schwüle Traum.

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Ach wenn ich euch doch nicht wüßte
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Weiße Lämmchen nahebei,
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Wenn ich euch nicht suchen müßte,
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Küssen nicht, dann wär' ich frei.

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Himmelsschäfchen, süß verschwiegen,
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Schwanenbettchen, linder Schaum,
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Ach ihr feinen Liebeswiegen
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Wieget einen Kindertraum.

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Klare, linde Lebensquelle
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Becher, Trank und Flut und Brand
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Dürstend schmacht ich nach der Welle
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Und sie hüpft mir in die Hand.

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Und o Liebe, das Geschöpfchen
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Mir ans Herz nun selber sinkt,
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Wie ein Myrtenreis im Töpfchen,
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Das an einer Quelle trinkt.

69
Süße Hange und Verlange
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Süßer, schlanker Schlangenleib
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Sei nicht bange, währt nicht lange,
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Fliehe Schlange, bleib süß Weib!

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Süß Syrene auf der Hüfte
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Wiegst du dich am Felsenriff
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Selig, wer vorüberschiffte,
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Wen der Zauber nicht ergriff.

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Tempel auf zwei Säulchen tüchtig
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Aller Liebesgötter voll,
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O Asyl, bin liebesflüchtig
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Weiß wohin ich fliehen soll.

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Hätte ich dich selbst beleidigt,
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Flöh' zu dir ich, Huldaltar,
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Würd' von dir geschützt, verteidigt,
84
Ja ich weiß es, es ist wahr.

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Und nun ruh' ich dir zu Füßen,
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Bin ganz krank vor Lust und Weh
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Sag süß Lieb, sag darf ich küssen,
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Die dich schmerzt die kleine Zeh?

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Sieh das Strumpfband dicht voll Küssen!
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Nur die trunknen Küsse sahn's,
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Schwester braucht das nicht zu wissen
92
Honny soit, qui mal y pense.

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Sag Emilie! laß dich fragen,
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Hast du dies mein Glück gesehn?
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Hast du's in dein Bett getragen?
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– Nein! jetzt will ich schlafen gehn.

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Bitte, bitte, ganz vertraulich
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Muß mich kämmen, wäschen gehn,
99
Bin dabei nicht sehr beschaulich,
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Tu nicht vor dem Spiegel stehn.

101
Lieber hast du dir getrieben
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Aus mir einen Blumenstrauß,
103
Hast ihn trunken mir beschrieben
104
Dichter trag ihn dir nach Haus.

105
Bitte, bitte, gehen, gehen,
106
Alles zwar ist mir nicht fremd,
107
Doch kann ich bei Nacht nicht sehen
108
Denn am Hälschen schließt das Hemd.

109
Und weil man mich Turteltäubchen
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Leicht nicht unters Häubchen bringt
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So vergess' ich im Nachthäubchen
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Was zu dichten dir gelingt.

113
Gehen, gehen, bitte, bitte!
114
Ach ich weiß nicht, bin's, bin's nicht,
115
Mein Wachsstöckchen! – liebe Schritte!
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Lebe wohl, du letztes Licht.

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Noch ein flehendes Umarmen,
118
Schon die Klingel in der Hand
119
Und ich flieh' aus Lichtes Armen
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In die Nacht, die draußen stand.

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Nacht! hast du mein Glück gesehen?
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– Nein, doch oft vor dir versteckt,
123
– Licht am Fenster – Schlafen gehen,
124
Ausgestreckt und zugedeckt!

125
Über mich zwar ist's gekommen
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Denn dein Glück kam über Nacht,
127
Hast du's in den Arm genommen
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Ist der Traum mit dir erwacht.

129
Traum! bist du mein Glück gewesen?
130
Nein sein Bild nur auf Besuch,
131
Wo dein Glück ist kannst du lesen
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Br. Br. Br. im kleinen Buch.

133
Wenn das Pferdchen toll will springen,
134
Das die süße Linder trug,
135
Muß mit Br. Br. Br. sie's zwingen,
136
Br. Br. Br. ist nie genug.

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Pferde sind die Leidenschaften,
138
Br. Br. Br. ach halte Fug
139
Soll die Lieb' im Sattel haften
140
Br. Br. Br. so werde klug.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clemens Brentano
(17781842)

* 08.09.1778 in Koblenz-Ehrenbreitstein, † 28.07.1842 in Aschaffenburg

männlich, geb. Brentano

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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