[zweimal hab' ich dich gesehn]

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Clemens Brentano: [zweimal hab' ich dich gesehn] (1821)

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Zweimal hab' ich dich gesehn,
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Bei der einz'gen, die mir lebet,
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Und es war, als käm' ein Wehn
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Über Gräber hergeschwebet.

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Eine Stille ist in dir,
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Die beruhiget und schweiget,
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Diese hat im Herzen mir
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Fern und nahes Glück gezeiget.

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Vor den Furien auf der Flucht
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Hab' ich nach geweihten Orten,
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Oft mit heißer Angst gesucht
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Weinend vor verschloßnen Pforten,

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Und so habe ich gelernt,
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Liebe Herzen zu erschauen,
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Wo die Quäler sich entfernt,
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Konnt' ich wie ein Kind vertrauen.

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Selten doch ist mir geschehn,
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In die Freistatt einzudringen
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Immer muß ich draußen stehn,
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Wo sie ihre Geißeln schwingen.

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Aber du, du bist recht gut,
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Als ich bei dir eingetreten,
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Hat in mir das Herz geruht,
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Ja ich könnte bei dir beten.

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Wenig Worte sprachen wir,
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Doch hast du mich viel gelehret,
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Denn ein Schweigen ist in dir,
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Das man mit der Seele höret.

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Was mich blühend einst berückt,
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Was mich scheidend jetzt versöhnet,
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Hast auch du ans Herz gedrückt,
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Hat auch dir den Traum verschönet.

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Abgemähet war das Feld,
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Nach der Ernde gieng ich fragen,
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Und mir ward da freigestellt
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Meine Armut frei zu sagen.

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Und so hör' dann ohne Arg:
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Vor mir wird ein Kreuz getragen,
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Unter Blumen in dem Sarg
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Scheint mein Herz schier noch zu schlagen.

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Hat die Ährenleserin
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Nichts als Unkraut gleich gefunden,
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Hat sie doch mit frommem Sinn
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Diesen Erndekranz gewunden.

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Keiner folgt, als sie allein,
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Die gern mit dem Kreuze gehet,
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Und sie wird auch bei mir sein,
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Wenn's auf meinem Hügel stehet.

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Wird es schmücken mit dem Kranz,
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Den sie meinem armen Leben
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Ohne Tugend, ohne Glanz
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Auf den letzten Weg gegeben.

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Wird auch beten bei dem Grab,
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Wenn, den sie verlassen haben,
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Den ihr Gott als Kranken gab,
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Wenn den Toten sie begraben.

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Als zur Kirche du wolltst gehen;
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Bist du Braut zu uns gekommen,
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Hast den Totenkranz gesehen,
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Und der Tote rief: willkommen!

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Willst du mir die Liebe tun,
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Gieb mir ein paar Schritt Geleite
63
Leichter wird es mir, zu ruhn
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Gehst du still an ihrer Seite.

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Denk dabei an meinen Kranz,
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Und an die, die ihn gewunden,
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Wie von solchem Duft und Glanz
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Keiner nie mehr wird gefunden.

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Denk, daß dieser Rosen Glut
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An den Wunden sich entzündet,
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Deren übersinnlich Blut
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Unsre Sünde überwindet.

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Denk, die Maienglöckchen weiß
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Perlen sind, die Sie gewonnen,
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Als des Herren Todesschweiß
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Auf ihr kindisch Herz geronnen.

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Und die Astern Sterne sind,
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Überm Haupt Ihr aufgegangen
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Als das Kind zum Heilandskind
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In der Krippe trug Verlangen.

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Denk, hier die Vergißmeinnicht
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Blicke sind, die fromm Sie hebet,
83
Wenn Sie zu dem Heiland spricht,
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Der für uns am Kreuze schwebet.

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Ja der Kranz der liebsten Braut,
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Dürft' ein Sterbender ihn wählen,
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Könnte nimmer so vertraut
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Mit dem Leben ihn vermählen.

89
Blumen von so ew'gem Glanz
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Wie sie meinen Sarg bekränzen
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Schmückten keinen Hochzeitskranz
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Seit der Welt, seit allen Lenzen.

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Und so nenn' ich dich beglückt,
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Weil du in umkränzten Tagen
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Jenen Kranz ans Herz gedrückt,
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Den ich bis ins Grab darf tragen.

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Ewig lieb bleibt mir dein Bild,
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Treu will ich's im Herzen hüten,
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Weil du sprachst so leis und mild:
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O wie glänzen diese Blüten!

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Wohl ist dies ein andrer Glanz,
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Als der Strahl im Frühlingsliede,
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Als die Glut in Sommers Kranz,
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Als der Schein in Herbstes Friede.

105
Alle hab' ich dir gezeigt,
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Dich ergötzte all dies Funkeln,
107
Als die Sonne sich geneigt,
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Schimmerte es süß im Dunkeln.

109
Aber dann, dann kam die Nacht,
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Hat mir vieles zugedecket,
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Bei mir hat der Traum gewacht,
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Hat mir alles auferwecket.

113
Komm nur mit, kein Blättchen rauscht,
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Still ist's auf den vielen Hügeln,
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Regt sich einer wohl, und lauscht,
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Ist's mit angstgebundnen Flügeln.

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Sitze nieder! schweigend Bild,
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Horcht nur zu, ihr armen Seelen,
119
Wie der Herr unendlich mild,
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Hör', jetzt will ich's dir erzählen.

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Glaube, den ich stolz verschwur,
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Hoffnung, die ich schnöd zerrissen
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Liebe, die ich nie erfuhr
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Kehrten heim mit dem Gewissen.

125
Daß das heil'ge hohe Lied
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Mir konnt Sinnentaumel scheinen,
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Muß, der durch den Spiegel sieht,
128
Himmeltrunken ich beweinen.

129
Denn es schwand das Feuerband
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Das die bunte Wehmut webte,
131
Als ich vor der Sonne stand
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Und nach ird'schen Farben strebte.

133
Du auch hast dein sehnend Herz
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In dies Abendrot getauchet,
135
Deine Wonne, deinen Schmerz
136
In dies tönend Wehn gehauchet.

137
Doch ich hab' in ihm gewohnt,
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Wie ein Pfau ihm nachgeschrieen
139
Übers Grab den ernsten Mond
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Ich wie einen Geist sah ziehen.

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Ach, es war nicht Gott in mir,
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Einem falschen Schmerz ergeben
143
Suchte ich mit wilder Gier
144
In dem Schein den Schatz zu heben.

145
Nicht die frommgestirnte Nacht
146
Zog mich auf zu heil'ger Ferne
147
Wo die Glut auf Schätzen lacht
148
Sucht' ich meine Schicksalssterne.

149
Doch die Schätze dieser Welt
150
Sind so arglistig bedinget
151
Daß mitsamt dem Schatz verfällt
152
Wer ihn mühsam auch erringet.

153
Glimmen sah ich's hier und dort,
154
In die Glut, den Schatz zu heben,
155
Warf ich manch ein Kleinod fort,
156
Immer muß ein Pfand man geben.

157
Heil'ge Pfänder trug ich viel,
158
Daß ich bar von ihnen werde
159
War allein des Feindes Ziel
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Der die Schätze hat der Erde.

161
Und er ließ am Abgrund hin
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Melusinenlippen lachen
163
Und Sirenentöne ziehn,
164
Eh' der Drache zeigt den Rachen.

165
Poesie, die Schminkerin
166
Nahm mir Glauben, Hoffen, Beten
167
Daß ich wehrlos worden bin,
168
Nackt zur Hölle hingetrieben.

169
Nur ein Schild blieb unbewußt
170
Mir noch aus der Unschuld Tagen
171
Heil'ge Kunst auf Stirn und Brust
172
Ein katholisch Kreuz zu schlagen.

173
Längst vergessen war dies Gut,
174
Und als Pfand mein Christenleben
175
Warf ich in die falsche Glut
176
Um den bösen Schatz zu heben.

177
Doch die Hölle stieß mich aus,
178
Denn dort wird kein Kreuz gelitten
179
Zwischen Licht und finsterm Graus
180
Schwebt' ich in der Wüste Mitten.

181
Wie in einem kalten Schacht
182
Hab' ich da gezagt, getrauert,
183
In die Säule eigner Nacht,
184
War ich Böser eingemauert.

185
Und als ringend ich erkannt
186
Wer ich sei und wer gewesen,
187
Ich den Mutterpfennig fand,
188
Kreuz! du kannst allein erlösen!

189
Aus der Nacht zur lichten Höh'
190
Ward das Kreuz, das ich geschlagen
191
Wie ein Lotos aus dem See
192
Liebesuchend aufgetragen.

193
Oben aber war ein Land
194
Und ein Kind, das Blumen pflückte,
195
Und mein Kreuz, das vor ihm stand
196
Pflückte und ans Herz dann drückte,

197
Gleich hat es mein Kreuz erkannt,
198
Flocht mir eine Dornenleiter,
199
Tief hinab mit frommer Hand,
200
Und ich stieg mit Schmerzen weiter.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clemens Brentano
(17781842)

* 08.09.1778 in Koblenz-Ehrenbreitstein, † 28.07.1842 in Aschaffenburg

männlich, geb. Brentano

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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