Wie treu scheint Gottes Sonne

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Clemens Brentano: Wie treu scheint Gottes Sonne Titel entspricht 1. Vers(1818)

1
Wie treu scheint Gottes Sonne
2
Heut in die Welt herein,
3
Die Zeit erwacht mit Wonne
4
Im neuen Gnadenschein.

5
Es zünden alle Kerzen
6
Sich schon zum Feste an,
7
Und alle frommen Herzen
8
Sind festlich angetan.

9
Welch Kleid soll ich denn nehmen,
10
Hab' ich kein Hochzeitskleid?
11
Soll ich allein mich schämen
12
In dieser heil'gen Zeit?

13
Ist denn mein Kranz zerrissen,
14
Ist mein Gewand befleckt,
15
Hilf, Herr, der mein Gewissen,
16
Der meine Blöße deckt!

17
Laß einsam mich hier trauern,
18
Da du zur Wüste giengst,
19
Auf deine Rückkehr lauern,
20
Bis du ein Kleid mir bringst.

21
Ich streu' mein Haupt mit Asche
22
Hüll' mich in Buße ein,
23
Mit bittren Tränen wasche,
24
Ich doch mein Kleid nicht rein.

25
Und denk' auf alle Fragen,
26
Warum ich so betrübt,
27
In diesen vierzig Tagen
28
Hat Jesus sich geübt.

29
Mein Heil gieng in die Wüste
30
Und ward vom Feind versucht,
31
Und ach, so lang ich büßte,
32
Bracht' ich doch keine Frucht.

33
So oft ich mich auch wagte
34
In seiner Gnade Schein,
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War mir's, als ob ich sagte,
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Mach Brot aus diesem Stein.

37
Und doch hat er vergossen
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Um mich sein teures Blut,
39
Auf mich ist es geflossen,
40
Und doch bin ich nicht gut.

41
Bin immer nicht ergeben,
42
Treib' ewig hin und her,
43
Mach' das erlöste Leben
44
Der armen Seele schwer.

45
Mein eignes Blut unbändig
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Will stets der Herrscher sein,
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O Gott, mach mich lebendig,
48
Sei du mein Herr allein.

49
Laß dieses Eis zerbrechen
50
Vor deinem Sonnenschein,
51
Und zieh auf Gnadenbächen
52
Im Frühling zu mir ein.

53
In deiner Lieb' geborgen,
54
Mag Lilie, die nicht spinnt,
55
Mag auch kein Vöglein sorgen,
56
Viel wen'ger noch ein Kind.

57
Wie oft im jungen Herzen
58
Nannt' ich mich selig so,
59
Und ward in Freud und Schmerzen
60
Recht meiner Kindschaft froh.

61
Nur du allein kannst wissen
62
Wie mich dein Gruß erquickt,
63
Und was mein Herz mußt' missen,
64
Wenn es von dir geblickt.

65
Kein andrer Blick kann taugen,
66
Mein Jesu mach mich blind,
67
Führ' unter deinen Augen
68
Auf reiner Bahn dein Kind.

69
Dein Tau steht auf den Auen
70
Und macht die Gräser frisch,
71
Herr, gebe mir Vertrauen,
72
Führ' mich zu deinem Tisch.

73
Laß alles Widersprechen
74
In mir getilget sein,
75
Und mach mich vom Verbrechen
76
Des Eigenwillens rein.

77
Den Vater hab' ich funden
78
Erkannt auch seine Braut,
79
Die Kirche, durch die Wunden
80
Der Märtrer ihm getraut.

81
Ich zage vor der Türe,
82
Ob ich dich bei ihr find',
83
Zum Schoß der Mutter führe,
84
O Jesu, selbst dein Kind.

85
Gieb daß in bittrer Reue
86
Ich alles Rückhalts bloß
87
Bekennend mich erneue
88
In ihrem Gnadenschoß.

89
Daß reiner als geboren
90
Daß wie getauft so rein,
91
Ich, was ich je verloren
92
In Buße nehme ein.

93
Laß mich das Wählen enden,
94
Das der Versuchung gleicht
95
Zu Brot in meinen Händen
96
Sei dieser Stein erweicht.

97
Und von des Priesters Worten,
98
Der deine Weihe trägt,
99
Sei es zu dir geworden,
100
Mir unters Herz gelegt.

101
Dann gieb, daß wie die Reine,
102
Die dich empfangen trug
103
Ich glaubend jauchz' und weine
104
Und nie, ach nie genug.

105
Dann, in der Zeiten Fülle
106
Stell', wie die dich gebar,
107
Ich, bricht des Leibes Hülle,
108
Dein Bild im Himmel dar.

109
Dann trage voll Erbarmen
110
Den Geist vor deinem Thron
111
In deinen Vaterarmen,
112
Sei du mein Simeon.

113
Und deine Mutter süße,
114
Laß mir die Hanna sein,
115
Daß sie mich freudig grüße,
116
In deiner Sel'gen Reihn.

117
Mein Hoffen, Lieben, Glauben
118
Bring' dir die Kirche dar,
119
Wie deine Mutter Tauben
120
Geopfert am Altar.

121
O Herr, zu solcher Wonne
122
Gabst du mir selbst Geleit,
123
Und die geschaffne Sonne
124
Scheint dennoch mir zu Leid.

125
Was ist's, daß ich verzage,
126
Welch Leid ist mir geschehn,
127
Die armen flücht'gen Tage
128
Von dir geschmückt zu sehn.

129
Mit Sonnenglanz begrüßte
130
Die Zeit das Erdenland,
131
Die fastend in der Wüste
132
Dir im Gebet verschwand.

133
Das Leben dich versuchet,
134
Mach Brot aus diesem Stein,
135
Hör' ich, die du verfluchet,
136
Die bunte Schlange schrein.

137
Und auf des Tempels Zinnen
138
Und zu dem Reich der Welt
139
Wird auf dem Berg den Sinnen
140
Die Seele ausgestellt.

141
Herr, laß dein Wort mich hören;
142
Sprich, Satan weich von ihr,
143
Ruf mit den Engelchören
144
Dein Kind zu dienen dir.

145
Es sei die junge Sonne
146
Und diese milde Zeit
147
Dir eine Festeswonne
148
In meiner Brust bereit.

149
Laß nicht tirannisieren
150
In mir das eigne Blut,
151
Herr laß mich triumphieren
152
In deiner Wunden Flut.

153
Heran, heran ihr Blüten
154
Nun öffnet euren Schoß
155
Neu bricht nun ohn' Ermüden
156
Der Strom der Gnade los.

157
Mit reinen Kelchen trinken
158
Sollt bald ihr Jesu Blut
159
Wenn er sein Haupt läßt sinken
160
Dann, dann ist alles gut.

161
Wenn er erst ausgesprochen,
162
Das Vater, das Vollbracht,
163
Dann ist der Tod gebrochen,
164
Und nur auf Erden Nacht.

165
Er wird den Stein schon heben
166
Er wird schon auferstehn,
167
Daß die ihm sterbend leben
168
Ihn ewig wiedersehn.

169
Ihr Blumen euch zur Seite
170
Steh' ich am Grabe fromm
171
Und heiß' in Lieb und Leide
172
Den Herrn mit euch willkomm.

173
Wir brauchen nicht zu klagen,
174
Er hat uns ja gelehrt,
175
Das Vater Unser sagen,
176
Das Wort das er erhört.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clemens Brentano
(17781842)

* 08.09.1778 in Koblenz-Ehrenbreitstein, † 28.07.1842 in Aschaffenburg

männlich, geb. Brentano

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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