Im Wetter auf der Heimfahrt

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Clemens Brentano: Im Wetter auf der Heimfahrt (1817)

1
O du lieber wilder Regen
2
O du lieber Sturm der Nacht
3
Da der Finsternis entgegen
4
Ich mein Licht nach Haus gebracht.

5
Sturm du warst ein Bild des Lebens
6
Licht du warst der Liebe Bild
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Das im Drang des Widerstrebens
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Leuchtet unter Jesu Schild.

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Doch ich bebe, zieht so brausend
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Spät der Sturm mir noch durchs Haar
11
Treibt das welke Laub mir sausend
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Nach im Kreis um den Altar.

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Meine Lampe flackert, lecket,
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Rußt die blanke Leuchte an.
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Zuckend hin und her geschrecket
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Zeigt ihr Schein mir irre Bahn.

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Gleich' ich doch dem armen Schwimmer
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Der zum teuren Ziele ringt
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Den verführt vom falschen Schimmer
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Bald das wilde Meer verschlingt.

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Alles hab' ich sinken lassen
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Sinken alle Lust der Welt
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Eines treu ans Herz zu fassen
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Was mich über Meer erhält.

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Eine Gott gefallne Blüte
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Trägt und hebt mein brennend Herz,
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Treib o Woge die verglühte
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Asche endlich heimatwärts.

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Aber diese Blüte kühlet
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Ewig mir die heiße Glut
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Nie verzehrt, die in mir wühlet
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Mich der Flamme irre Wut.

33
O ertränk' mich wilder Regen
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Schleudre mich du Sturm der Nacht
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Einem scharfen Fels entgegen,
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Daß mein schwerer Traum erwacht.

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Wind und Wasser um mich zanken
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Auf den Bahnen wankt das Licht,
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Schwarze Wolken der Gedanken
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Stürzen vor das Weltgericht.

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Soll ich fliehen soll ich bleiben
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O unnennbar liebes Gut!
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Wolle mich zum Ziele treiben
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Wo die ganze Hoffnung ruht.

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Alles, was im Sturm zu schiffen
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Einst mein banger Arm umfaßt
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Treibt um mich, der selbst ergriffen
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Schwebt ohn' Steuer und ohn' Mast.

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Eines ist mir nur geblieben
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Eines, das ich nie verlor
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Ein unsterblich treues Lieben
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Reißt mich überm Meer empor.

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Heil dir, die des Sturmes Zügel
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Wie mit Kinderhänden lenkt
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Und die reinen Himmelsflügel
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Selig durch die Nacht hin schwenkt.

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Immergrüne Dornenkrone
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Die die Rosen seelwärts flicht
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Daß der Leib aufschreit, o schone,
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Und der Geist in Wonne bricht.

61
Ja ich trag' dich dicht am Herzen,
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Du zerreißest mir die Brust
63
Doch die Nesselglut der Schmerzen
64
Deckt mir eine heil'ge Lust.

65
Selig, gehst du treu zur Seiten,
66
Schweb' ich durch die Wetternacht
67
Ist es doch ein süßes Leiden
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Wenn die fromme Lippe lacht.

69
O unnennbar lebend Sterben
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Himmelsbrot in Erdennot,
71
Lachen in uns selbst die Erben,
72
Macht der Tod die Wangen rot!

73
Tagsanbruch im Augenbrechen
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Auch den Durst machst du zum Trank
75
Dornen blühn, wenn Rosen stechen
76
Erdenheil ist himmelskrank!

77
Wer bist du? Mit müden Händen
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Fasset dich ein letzter Traum
79
Als die Nacht sich wollte wenden
80
Tratst du hell ihr auf den Saum.

81
Jakobsstraße, Jakobsleiter,
82
Engel steig allein nicht auf,
83
Öffne doch die Türe weiter,
84
Treibe meinen müden Lauf.

85
O du Kind, Geliebte, Schwester
86
Schatten, Leben, Leid und Lust.
87
Alle Vögel haben Nester
88
Und mein Herz hat eine Brust.

89
An der Türe angekommen
90
Sprachst du mir ein freundlich Wort
91
Hättst mich gerne aufgenommen
92
Doch mein Richter trieb mich fort.

93
Wenn ich einstens kann verdienen
94
Unter deinem Dach zu ruhn
95
Ist der Morgen schon erschienen
96
Andres hab ich noch zu tun.

97
Muß noch einsam ringend steuern
98
Durch die wilde Wetternacht
99
Bis zu allen Fegefeuern
100
Mir dein Flügel Kühlung facht.

101
O zu selig, daß ich Armer
102
Stehe in so edler Pein.
103
Daß ich ewig den Erbarmer
104
Seh' in des Gerichtes Schein.

105
Und so bin durch Wind und Wogen,
106
Ich wie ein betrübtes Kind
107
Durch die Blumen hingezogen
108
Daß ich dir ein Sträußlein bind'.

109
Und der Strauß den ich gepflücket
110
Ist dies sturmverwirrte Lied
111
Würd' er an dein Herz gedrücket
112
Dann wär' er dem Herrn erblüht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clemens Brentano
(17781842)

* 08.09.1778 in Koblenz-Ehrenbreitstein, † 28.07.1842 in Aschaffenburg

männlich, geb. Brentano

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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