Finkenlied, von neun Groschen Münze, Kamelgedanken und Überbeinen

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Clemens Brentano: Finkenlied, von neun Groschen Münze, Kamelgedanken und Überbeinen (1817)

1
Vom Gesange lust'ger Finken
2
Durch das Fenster aufgeweckt
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Lasse ich den Schleier sinken,
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Der mir meine Seele deckt.

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Durch des alten Birnbaums Blüten
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Schaut zwar trüber Himmel her
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Doch in meiner Brust ist Frieden,
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Ach wenn's doch der ew'ge wär'.

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Nein, jetzt kann ich gar nicht trauern
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Alles scheint mir lieb und gut,
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Und mir wächst da überm Lauern
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Auch ein Finkenliedermut.

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Wie die kleinen Sänger schweben
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Wie es sehnt und lockt und zirpt.
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O wie herrlich klingt das Leben
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Wenn's zu neuem Leben wirbt.

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Keiner fällt ohn' Gottes Willen
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Von dem Dach, vom Haupt kein Haar,
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Und mein Schmerz läßt sich schon stillen,
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Weil ich einst unschuldig war.

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Und bin ich gleich abgefallen
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Fiel ich doch in Gottes Schoß
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Lieg' da mit den andern allen
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Heil in seiner Gnade groß.

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Munter, Herz, schwing dein Gefieder
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Auf, wohl auf zum Kreuzesbaum
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Täglich Sonne, täglich Lieder,
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Alle Nacht ein frommer Traum!

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Und ein Nest in seine Wunden
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Meiner Leidensbrut ich bau',
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Grün liegt seine Erde unten
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Oben schwebt sein Himmel blau.

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Und ich seh' auf grüner Aue
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Eine fromme Magd hinziehn
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Primlen bricht sie schwer vom Taue,
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Bis der jüngste Tag erschien.

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Bricht die Blumen, bricht die Blüte
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Bricht ihr Herz, die Heilandsfrucht
39
Bietet es dem Gott der Güte
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Der den dürren Baum verflucht.

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Und sie spricht mit schwerem Herzen
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Gestern war mein Leiden schwer,
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Und ich fragte sie mit Schmerzen
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Was ihr dann begegnet wär'.

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Bange zagten meine Ohren,
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Was sie wohl für Leid angiebt,
47
Weil neun Groschen ich verloren,
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Sagt sie, bin ich so betrübt.

49
War's Courant? – Ei Gott behüte,
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Münze war's, dem Herrn sei Dank! –
51
O du Spiegel aller Güte!
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Machst du mich doch freudenkrank.

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Denk, vom Dache fällt kein Sperling,
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Ohne Gott, vom Haupt kein Haar,
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Aus dem Beutel kein Pfund Sterling,
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Oder auch neun Groschen bar.

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Denk, was hatt' ich all verloren
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Leib und Seel und Gut und Heil
59
Alles ward mir neu geboren
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Und noch mehr ward mir zuteil.

61
Dich zu kennen, dich zu lieben,
62
Dir zu folgen treu und still,
63
Was mir wird, was mir geblieben,
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Alles ich dir teilen will.

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Leben, Kämpfen, Siegen, Sterben
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Abendrot und Morgenrot,
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Mitleid mit den armen Erben,
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Ihnen bleibt die Erdennot.

69
Als die Magd mein Lied vernommen
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Hat sie freundlich mir genickt,
71
Und der Nebel schien verschwommen,
72
Und ein bißchen Sonne blickt.

73
O lieb Herz! um Jesu willen
74
Fasse einen frischen Mut
75
Laß dich doch sein Herzblut stillen
76
Bist ja Pelikanenbrut.

77
Himmel, Himmel werd' doch heiter,
78
Ach, herrje! da regnet's gar!
79
Liebe Finklein, singt doch weiter,
80
Da versteckte sich die Schar.

81
Liebes, liebes Linum denke
82
An neun Groschen Münze nicht.
83
Doch sie spricht: zur Erde senke
84
Ich des Opfers Fruchtgewicht.

85
Doch es nimmt mit meinen Blüten
86
Ja mein Heiland schon vorlieb,
87
Apfel brauch' ich nicht zu hüten
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Vor dem schlauen Apfeldieb.

89
Als ich sonst mit brünst'gen Ranken
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Auch auf goldne Frucht gehofft
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Hatte ich Kamelgedanken
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Über mich wohl selber oft.

93
Arme Näherin mußt' lesen
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Vom Kamel und Nadelöhr
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Und gab dann dem eiteln Wesen
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Nimmer wieder ein Gehör.

97
Bin jetzt eine arme Made,
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Matte Fliege, Stäublein klein,
99
Bin ein Ekel, der aus Gnade
100
Höchstens trägt ein Überbein.

101
Wer giebt um solch schlechte Dinge
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Wohl neun Groschen Münze hin
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Drum mir mehr verloren gienge,
104
Als ich selber wert ja bin.

105
So? doch ist der armen Made
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Keine Speise je zu gut,
107
Selbst für Jesu Leib nicht schade,
108
Schade nicht für Jesu Blut.

109
Ja ganz wohl! die matte Fliege
110
Sitzt auf Gottes Angesicht,
111
Wenn ein Engelsflügel schlüge,
112
Er vertriebe sie da nicht.

113
Stäublein klein! o ja! um nimmer
114
Abzutreten von dem Tanz,
115
Sonnenstäubchen tanzen immer
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Ohn' zu sinken aus dem Glanz.

117
Ei du Ekel! ja ich eckle
118
Seit ich dich im Herzen trug
119
Vor der Welt, an allem mäckle
120
Ich, nur nie an mir genug.

121
Überbeines Gnaden zähle
122
Überige Gnaden ein
123
Überfleisch und Überseele,
124
Überhimmelsschlüsselbein.

125
Wer kann es dem Herrn verdenken
126
Daß er Milde an dir übt,
127
Dir, die ihm ihr Fleisch will schenken,
128
Dafür Überbeine giebt.

129
War doch Eva auch im Schlafe
130
Nur des Adams Überbein,
131
Eva umgekehrt ward Ave,
132
Mögst du auch gegrüßet sein.

133
Und weil ein Kameles Rücken
134
Nur ein großes Überbein,
135
Mag's drum, wenn die Schuh' dich drücken
136
Gotts Kamelgedanken sein.

137
Und so soll mein Mut nicht wanken
138
Wenn er deinen hinken sieht,
139
Also aus Kamelgedanken
140
Sang ich dir dies Finkenlied.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clemens Brentano
(17781842)

* 08.09.1778 in Koblenz-Ehrenbreitstein, † 28.07.1842 in Aschaffenburg

männlich, geb. Brentano

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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