Wahre Buße eines recht zerknirschten Herzens

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Clemens Brentano: Wahre Buße eines recht zerknirschten Herzens (1816)

1
Wann abends uns die braune Nacht
2
Im Schatten schwarz verkleidet,
3
Und ich dann meine Sünd' betracht,
4
Groß Not mein Herz erleidet.
5
Von lauter Leid, von Traurigkeit,
6
Mein Augen mir fast rinnen,
7
Zu'n Sternen auf, so sind im Lauf,
8
Ich schau' mit trüben Sinnen.

9
Halt, halt, ihr scheinend Perlen klar,
10
Ihr tausend Licht und Fackel,
11
Halt, halt, ihr wohlgezündte Schar,
12
Ihr Feur und Flamm' ohn' Makel,
13
O schöne Stern, nicht laufet fern,
14
Hört an, was euch will klagen,
15
Du schöner Mon auch bleibe stohn,
16
Hör' an mein Leid und Zagen!

17
Ach, ach! was Angst und Herzenleid!
18
Bin gar mit Sünd' befangen,
19
Auf, auf! ihr heiße Brünnlein beid,
20
Nun rauschet mir von Wangen.
21
Ach schöne Stern, wollt' ich so gern,
22
Wär' nie von Gott gewichen!
23
Ach schöner Mon, was hab' ich ton?
24
Mein Seel' ist Tods verblichen.

25
Fließ ab, fließ ab, du Tränenbad,
26
Für Leid kann dich nit halten.
27
Wasch ab all Sünd' und Missetat,
28
Das Herz ist schon gespalten.
29
O treuer Gott, hab' dein Gebot
30
In Wind und Luft geschlagen,
31
O frommer Herr, von dir so fer'
32
Die Sünd' mich hat getragen!

33
Ei wie nun will ich's greifen an?
34
Mit Recht mag's nie beschönen;
35
Ei wie will ich vor dir bestahn,
36
Dein Angesicht versöhnen?
37
O Schöpfer mein, ich's nit vernein',
38
Vor dir ich muß erstummen,
39
Bin's freilich wert, mich Feur und Schwert
40
Reib auf in gleicher Summen.

41
Doch nit, wann brinnst in Eifermut,
42
Dir stell' mein Sünd zugegen,
43
O nit, wann bist in voller Glut,
44
Mich laß mit Straf belegen!
45
Bedeck mit Gnad' all meine Tat,
46
Nit mehr der Sünd' gedenke,
47
Ach nur ins Meer, nur weit und fer'
48
Sie tief in Grund versenke!

49
Schaff Herr, daß ich mit Zähren heiß
50
Den Grimmen dein vergüte;
51
Mich mach recht schnee- und schwanenweiß
52
Wasch ab das alt Geblüte.
53
Ach 's ist geschehn! kann's nicht umgehn.
54
Nun kränket's mich von Herzen,
55
Und ich von Leid fast jederzeit
56
Zerfließ' gleich einer Kerzen.

57
Ach dürft' ich nur zu'n Augen dein
58
Mein Augen auf recht schlagen,
59
Dürft' nur dich nennen Vater mein,
60
Wie zärtlich wollt' ich klagen!
61
O Vater mein, wollt' nur allein,
62
O Vater mein wollt' sprechen!
63
Da würd' alsbald mit Gnadenspalt
64
Dein Herz in Stück zerbrechen.

65
Da würd' dein mildes Eingeweid
66
Wie Wachs vom Feur zerfließen,
67
Da würdest mich mit Armen beid
68
An deine Wangen schließen.
69
Ach nur nimm an, wollt' sprechen dann,
70
Nach deiner großen Milde
71
Nimm an geschwind dein armes Kind,
72
So gangen war ins Wilde.

73
Gleich würdest den verloren Sohn
74
Mit Freuden groß empfangen,
75
Und geben ihm die vorig Kron'
76
Mit Kleinod viel behangen.
77
Auch würdest bald ohn' Aufenthalt
78
Gar prächtig bankettieren,
79
Und würdest frei mit Jubelschrei
80
All Höfling dein traktieren.

81
Nun bin ich's je mitnichten wert,
82
Darf dich kein Vater nennen,
83
Auch du, weil alles hab' verzehrt,
84
Wirst mich kein Sohn mehr kennen,
85
Ach! wo muß dann ich's greifen an?
86
Wem, wie dann muß ich's klagen?
87
Ach, ach was Rat? ist ziemlich spat,
88
Jedoch nit will verzagen.

89
O Sternen still, o stiller Mon!
90
Des Elends laßt euch dauren.
91
Mein Leid euch laßt zu Herzen gohn,
92
Mit mir tut kläglich trauren.
93
All haltet ein den halben Schein,
94
Euch halber tut zerspalten,
95
Und halt't zu Nacht nur halbe Wacht,
96
Laßt Finsternis halb walten.

97
Ja freilich, freilich gar und ganz
98
All Augen tut beschließen,
99
Verlöschet allen Schein und Glanz,
100
Kein einzeln Strahl laßt schießen.
101
Zur Reu und Leid bin ich bereit,
102
Ade Sonn', Mon und Sternen!
103
Nur trauren gar ich muß fürwahr,
104
Und Spiel und Scherz verlernen.

105
Ade dann, eins und abermal,
106
Ihr Lichter schön gezündet,
107
Ade, verlöschet alle Strahl!
108
Euch ganz hab' aufgekündet.
109
In dunkler Nacht ich bin bedacht,
110
Mein Tag ohn' Tag vollbringen,
111
Nur Traurgesang mein Lebelang
112
Bei mir soll stets erklingen.

113
In Finsternis gewunden ein
114
Ich meine Jahr werd' schließen.
115
Mein Speis und Trank mir sollen sein
116
Die Zähr', so werd' vergießen.
117
Mein krankes Herz ich leg' in Schmerz,
118
In Schmerzen laß ich's rasten,
119
Wann's dann verscheidt, ist schon bereit
120
Der Schmerz zum Totenkasten.

121
In Schmerzen, Qual und Traurigkeit
122
Mein Leben soll passieren,
123
In Weh und Ach und stätem Leid
124
Will meine Zeit verlieren.
125
In hohlem Wald, der deutlich schallt,
126
Ein Hüttlein werd' ich schlagen;
127
Da soll vor all der Echoschall
128
Mit mir mein Jammer klagen.

129
Mit Seufzen viel in großem Hauf
130
Die Wund' ich will vermehren;
131
Die Bächlein sollen schwellen auf
132
Von meinen vielen Zähren.
133
Die Bäum' und Stein, sie mögen sein
134
Wie Felsen hart und Eichen,
135
Mit Tränen heiß, mit Augenschweiß,
136
Ich hoff', noch werd' erweichen.

137
Wer weiß, ob nit der fromme Gott
138
Die Gnadenbrust erschließe?
139
Wer weiß, ob nit Herr Sabaoth
140
Das Gnadenmeer ergieße?
141
Die Schrift vermeldt, der Glaub' es hält,
142
Wer Buß' mag redlich tragen,
143
Findt je noch Gnad', ist nit zu spat
144
Und Wer dann wollt' verzagen?

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Clemens Brentano
(17781842)

* 08.09.1778 in Koblenz-Ehrenbreitstein, † 28.07.1842 in Aschaffenburg

männlich, geb. Brentano

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.