Lied von der Wüste

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Clemens Brentano: Lied von der Wüste (1816)

1
Ich bin durch die Wüste gezogen
2
Des glühenden Sandes Wogen
3
Verbrannten mir den Fuß
4
Die Wolken haben gelogen
5
Es kam kein Regenguß.

6
O Sonne du trankst im Zorne
7
Das Wasser aus jeglichem Borne
8
An dem die Reise ruht,
9
Ich dürste, es trinken die Dorne
10
Mein siedend heißes Blut.

11
Aus zog ich mit sieben Kamelen,
12
Grub Wasser aus ihrer Kehle
13
Zu retten Weib und Kind,
14
Die Schätze an Gold und Juwelen
15
Begrub im Sande der Wind.

16
Dann wühlt' ich mit glühendem Schwerde
17
Den Kindern ein Grab in die Erde,
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Das Grab kein Brunnen ward,
19
Erwühlte mir keinen Quell,
20
Ob Gott sie wohl finden werde
21
Nachts brüllte die Tigerherde
22
Die Sonne brannte so grell.

23
Ein Kind, das lag unterm Herzen,
24
Das brach, die Mutter in Schmerzen
25
Gebar es sterbend dem Tod,
26
Es goß gleich glühenden Erzen
27
Die Sonne mir Licht in die Not.

28
Gern hätte ich Tränen getrunken
29
Die Augen weinten nur Funken,
30
Tief wühlt' ich ein Grab in den Sand,
31
Bin jammernd hinein mit gesunken,
32
Ach, weil ich kein Wasser fand.

33
Da ward ich zur wandelnden Leiche
34
Auf daß ich den Brunnen erreiche
35
Den letzten auf dieser glühender an, [
36
Und wie ich so lechzend hinschleiche
37
Da brüllen die Tiger mich an.

38
Es brannte die glühende Schwelle
39
Des Tages, da kam ich zur Stelle,
40
Der Brunnen war drocken und tot,
41
Da schien bei Mitternacht helle
42
Der Mond wie mein Herzblut rot.

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Das Ziel, ich fühlt' es gekommen,
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Die glühende Leiter erklommen
45
Ich schrie zu dem bittern Stern
46
Der Herr hat gegeben, genommen
47
Gelobt sei der Wille des Herrn.

48
Der Tod stieg auf aus der Wüste,
49
Und schauderte, da ich ihn grüßte,
50
Und floh, da rief ich ihm zu,
51
Daß einer hier sterben müßte,
52
Er sprach: nicht sterben kannst du.

53
Du kannst nicht sterben nicht leben,
54
Die ewige Ruhe nicht erwerben,
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Der Durst ist unendlich in dir,
56
Dein Erbteil will ich nicht ererben
57
So sprach er und eilte von mir.

58
Da rauschte der arme Geselle,
59
Wüsteinwärts, der Mond schien helle
60
Der Sand schlug rasselnd um ihn,
61
Es traf mich die glühende Welle
62
Ach daß ich erblindet bin.

63
O Nacht ohn' Anfang und Ende
64
Kein Stern wohin ich mich wende,
65
Kein Bogen, kein Pfeil kein Ziel,
66
Da rang ich weinend die Hände,
67
Bis die Decke mir niederfiel.

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Ich hörte ein Flügelpaar klingen,
69
Ich hörte ein Schwanenlied singen,
70
Ich fühlte ein kühlendes Wehn,
71
Und sah mit tauichten Schwingen
72
Ein Kind durch die Wüste gehn.

73
Und als ich sie begrüßte
74
Wohin du Engel der Huld in der Wüste,
75
Wo find' ich den Wasserquell,
76
Sie sprach, wer das nicht wüßte,
77
Der würde verdursten schnell.

78
Ich sprach du Engel der Wüste
79
Des Flügelwehen mich grüßte
80
Wo find' ich Jerusalem,
81
Sie sprach, wer das nicht wüßte,
82
Käm' nie von Bethlehem.

83
Da kniete ich vor ihr nieder,
84
Sie legte ihr tauicht Gefieder
85
Wohl kühl um mein glühend Haupt,
86
Und sang mir die Pilgerlieder
87
Da hab' ich geliebt und geglaubt.

88
Da sah ich den Himmel wohl offen
89
Kühl kam herniedergetroffen,
90
Die himmlische Segensflut,
91
Da konnte ich endlich auch hoffen,
92
Auf meines Erlösers Blut.

93
Sie sprach wohin meine Reise
94
Du Blinder irrest im Kreise
95
Willst du auf Bethlehem zu,
96
Vergönne, daß ich dich hinweise,
97
Nach Babilon giengest du.

98
Es war wohl ein innerlich Sehen
99
Ein innerlich Auferstehen,
100
In mir selber stieg sie herauf
101
Das Leben das waren die Wehen
102
Das sie gebärend gekreißt.

103
Was ich verloren, begraben,
104
Was alles ich um es zu haben
105
Mit heißer Sehnsucht gesucht
106
Das sollte mich innerlich laben
107
In unverbotener Frucht.

108
Die Schimmer, die Lichter, die Farben,
109
Der Sehnsucht goldene Garben,
110
Der Duft die Sonne der Tau
111
Die einzeln erblindet mir starben,
112
Gott grüß dich mein geistlicher Pfau.

113
Und alles was je ich gewesen
114
Konnt' ihr in der Seele ich lesen,
115
Konnt' vor ihr in Tränen vergehn,
116
Konnt' vor in Reue genesen,
117
Und unschuldig dann auferstehn.

118
Ich komme um dich zu heilen,
119
Der Herr wohl tausend Meilen,
120
Zu brechen mein Brot mit dir,
121
Den Becher auch mit dir zu teilen,
122
Wohlauf! wir bleiben nicht hier!

123
Da ward ich so seliges Schweben
124
Mein ringendes nächtliches Streben,
125
Ich habe des Herren Wort
126
Dein Herz hat Gott mir gegeben,
127
Ich bring' es mit meinem zum Port.

128
Ich sang, reich treulich die Hände,
129
Die Augen vor meinem wende
130
Mein Schwesterlein von mir
131
Bis hin zu meinem Ende,
132
Du ich, sind nun ein Wir.

133
Ein Tempel, wo wir nun knieen,
134
Ein Ort zu welchem wir ziehen
135
Ein Streit ein Siegespanier
136
Ein Himmel dir und mir.

137
So haben wir da gesungen
138
Und Arm in Arm geschlungen
139
Und Flügel in Flügelpaar
140
Uns über die Wiese geschwungen
141
Die ein Garten voll Segen war.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clemens Brentano
(17781842)

* 08.09.1778 in Koblenz-Ehrenbreitstein, † 28.07.1842 in Aschaffenburg

männlich, geb. Brentano

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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