An Schinkel

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Clemens Brentano: An Schinkel (1816)

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Du selbst wohl magst in heitrer Festlichkeit
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Der Frucht und Blumen Schnur mit Band umschlingen,
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Und so vom Turme hin zum Turme schwingen
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Den himmelfrohen Blicken zum Geleit,
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Wenn des Momentes kühne Heiterkeit
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Von Gipfeln hin zu Gipfeln möchte springen,
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Und nach der Vögel Lied in Blumenringen
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Sich schaukeln schwebend überm Erdenstreit.

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So sei hinüber dann zu Dir gekreist
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Mein Liederband von einem Gipfel ab,
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Dess' Lavastrom die Rinde überm Grab
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Erstarrter Mitwelt oft Dir aufgeeist.
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Sei treu begrüßt Du nie erschöpfter Geist,
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Dem das Verhältnis seinen Meisterstab,
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Das Unermeßliche zu messen, gab,
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Daß Ew'ges sich in Grenzen schön erweist.

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Indessen ein Philister stolz verblüfft
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Durch aufgesteiften Leichnam des
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Von seines ausgestopften Schulpferds Huf
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Sich
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Bist Du mit
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Und wie in Klangfiguren Schöpferruf,
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Wie im Kristall der Ton Gestalt sich schuf,
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So Saitenklang in Deine Seele trifft.

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Gehst Du jetzt wohl an meines
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Dem Liebe hier im Liede Dich gefügt,
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Wo ernst der Rhein berauschte Ufer pflügt
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Längs alter Tempel schicksalsvollem Rand,
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Und malst ihm meisterlich in feuchten Sand
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Mit leichtem Stabe, dessen Zug nicht trügt,
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Ein Dombild hin, dem nicht die Zeit genügt,
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Noch Dir, der es erfand, ihm, der's verstand.

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Dann denke, daß zuerst er einst gedacht,
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Zuerst gesagt: Architektura ist
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Erstarrte Musika, die Maß ermißt;
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Worüber die Philister dumm gelacht,
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Und lieb' ihn drum, sahst Du in stumme Nacht
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Die Kunst doch auch verbaut durch Formgenist,
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Bis Saitenklang Dir brach das Schulgerüst,
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Ausstrahlend vom Gesetz zu Zier und Pracht.

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Ich weiß, Grundtöne führen Dir den Plan
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Und Harmonieen wiegen Dir ihn aus
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Und Melodieen treiben bis zum Strauß
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Des Gipfels Dir die Linien hinan,
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Kein Zug läuft eigenwillig seine Bahn,
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Und macht auf eigne Hand sich blumenkraus,
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Du pflanzest nicht auf tolles Formgebraus,
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Nein auf organ'sche Gipfel nur den Hahn.

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O zürne nicht, daß ich Dich auf die Zinnen
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Der Tempel führe, die im Geist Du bauest,
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Und unermüdlich gut der Zeit vertrauest,
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Ob einmal wohl ihr Großes geh' zu Sinnen;
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Es ist um Dir die Aussicht zu gewinnen,
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Wo Du der Erde Hoffnungsgrün erschauest
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Und Trost des blauen Himmels niedertauest
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Zu Bildern schöner Kunstzeit auf die Linnen.

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Doch ach die liebe Zeit! mit Wortposaunen
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Bläst sie Dein Bild des Griechenlebens an,
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Und bleckt bei dem Gewitterdom den Zahn,
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Wahrhaftig schön, altdeutsch, recht zum Erstaunen!
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Doch Kritiker hört man ins Ohr sich raunen:
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Phantastische Prospekte, nicht viel dran,
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Im Kolorit hat er noch nichts getan,
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Sein Blau will grauen nicht, sein Grün nicht braunen.

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Auch hör' von Tempelspatzen, Heidenküstern,
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Von Krähen in
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Ihr Leben an
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Ob got'scher Barbarei ich rings ein Flüstern;
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Doch keiner ist zu griech'schem Wettbau lüstern,
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Du schütteltest sonst kräftig, überlistend
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Die Herrn im Atheistenstalle mistend,
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Die Säulen

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Ursprünglich springt wie Griechen Dir Erfindung,
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Und
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Den
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Des Schaftes
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Giebt jungfräuliche Schlankheit Dir Empfindung.

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Die Mythe, die korinth'schem Säulenhaupt
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Durch fromme Liebe schönes Leben gab,
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Die Freundin lebt,
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Der Jungfrau ihren Fruchtkorb noch umlaubt,
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Ist Dir der Meßstock; grün und vollbetraubt
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Schwingst Du als
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Die dürren schnitt der Herr zum Feuer ab.
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...................................................................
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Hier brech' ich ab. Ich hatte hingerissen
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Wohl funfzig solcher Strophen Dir gesungen,
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Von Deinen Leiden und Begeisterungen,
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Domidealen und Realkulissen,
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Scheinlauter Zeit kleinlauten Hindernissen.
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Was Du in Dir und außer Dir errungen,
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Was Dir gelungen, was Du überschwungen,
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Das sagt' ich dort nach Wissen und Gewissen.

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Doch hier schien allzuernst mir die Beschauung,
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Um Dich bei Fahnenschwung und Trommelrühren
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In lust'ge Zeltengassen einzuführen;
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Wie leicht wär's um die ganze Auferbauung
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Durch ein Hurra und Lippellied geschehen,
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Drum nimm fürlieb auf ernstres Wiedersehen!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clemens Brentano
(17781842)

* 08.09.1778 in Koblenz-Ehrenbreitstein, † 28.07.1842 in Aschaffenburg

männlich, geb. Brentano

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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