[ich kenn' ein Haus, ein Freudenhaus]

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Clemens Brentano: [ich kenn' ein Haus, ein Freudenhaus] (1816)

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Ich kenn' ein Haus, ein Freudenhaus,
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Es hat geschminkte Wangen,
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Es hängt ein bunter Kranz heraus,
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Drin liegt der Tod gefangen.

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In meinem Mantel trag' ich hin
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Biskuit und süße Weine,
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Der Himmel weiß wohl, wer ich bin,
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Die Welt schimpft, was ich scheine.

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Die eine liest mir in der Hand
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Sie will mein Unglück lesen,
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Die andre malt mich an die Wand,
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Und nennt mich holdes Wesen.

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Die dritte weiß sich flink zu drehn
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Es schwindeln mir die Sinne
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Und jede dieser bösen Feen
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Sucht, wie sie mich umspinne.

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Doch dorten auf den Arm gelehnt
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Sitzt eine stumm und weinet,
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Sie hat sich längst mit Gott versöhnt,
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Und sitzet doch und weinet.

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Was will sie noch in diesem Haus,
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Sie muß den Spott erleiden,
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Es zischt der freche Chor sie aus,
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Du kannst uns doch nicht meiden.

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Sie schweigt und weint und trägt den Hohn
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Den schweren Büßerorden.
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Man zuckt die Achseln, kennt sie schon,
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Sie ist zur Närrin worden.

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Doch ich berühr' um sie allein
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Die himmelschreinde Schwelle,
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Bei ihr, tret' ich zum Saal herein,
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Ist meine feste Stelle.

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Sie achtet's nicht, sie blickt nicht auf.
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Wenn alle tanzend fliegen,
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Seh' ich mit stetem Tränenlauf
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Das bleiche Haupt sie wiegen,

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So hundert Tage ohne Ruh'
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Sah ich sie wanken, weinen
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Und sprach, o Weib, welch Kind wiegst du?
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Will denn kein Schlaf erscheinen?

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Du hast dem Leid genug getan,
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Gieb mir's, ich will dir's tragen.
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Da schrie ihr Blick mich schneidend an,
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Doch konnt ihr Mund nichts sagen,

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Und neulich nachts, um Mitternacht,
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Kam ich mit meiner Laute,
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Die Pforte hat sie aufgemacht,
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Die noch am Fenster schaute.

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Sie zieht mich in den Garten fort,
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Sitzt auf ein Hüglein nieder,
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Giebt keinen Blick und giebt kein Wort,
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Und weinet stille wieder.

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Zu ihren Füßen saß ich hin,
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Und ehrte ihren Kummer,
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Da hat mir Gott ein Lied verliehn,
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Ich sang sie in den Schlummer.

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Ich sang so kindlich, sang so fromm,
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Ach säng' ich je so wieder!
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O Ruhe komm, ach Friede komm,
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Küß ihre Augenlider!

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Und da sie schlief, da stieg so hold
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Ein Kindlein aus dem Hügel,
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Trug einen Kranz von Flittergold
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Und einen Taschenspiegel,

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Und brach ein Zweiglein Rosmarin,
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Das ihm am Herzen grünet,
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Und legt' es auf die Mutter hin,
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Und sprach: Gott ist versühnet.

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Und wo den Rosmarin es brach,
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Da bluteten zwei Wunden,
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Und als es kaum die Worte sprach,
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Ist es vor mir verschwunden.

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Die Mutter ist nicht mehr erwacht
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Noch schläft sie in dem Garten,
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Ich steh' und sing' die ganze Nacht,
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Kann wohl den Tag erwarten,

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Da ruft mich Zucht und Ehr' und Pflicht
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Aus diesem Haus der Sünde,
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Doch von der Mutter lass' ich nicht
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Ob ihrem armen Kinde.

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Es winkt zurück, wenn ich will gehn,
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Sitzt an des Hügels Schwelle,
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Und kann nicht aus dem Spiegel sehn,
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Sein Flitterkranz glänzt helle.

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Es brach das Haus, der Kranz fiel ab,
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Fiel auf den Sarg der Frauen,
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Ich blieb getreu, tät bei dem Grab
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Mir eine Hütte bauen.

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Und daß die Schuld nicht mehr erwacht,
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Will ich da ewig singen,
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Bis Jesus richtend bricht die Nacht,
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Bis die Posaunen klingen.

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Oft mit dem Kind in Sturm und Wind,
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Sing' ich auf meinen Knieen,
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O Jesus! du gemordet Kind
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Du hast ja auch verziehen!

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Ein Tröpflein deines Blutes nur
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Laß auf die Mutter fallen,
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Das macht uns rein und klar und pur,
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Daß wir zum Lichte wallen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clemens Brentano
(17781842)

* 08.09.1778 in Koblenz-Ehrenbreitstein, † 28.07.1842 in Aschaffenburg

männlich, geb. Brentano

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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