Worte am Hügel

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Clemens Brentano: Worte am Hügel (1814)

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Herr, du hast mit vollem Blütensegen
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Meines Lebens Frühling mir geschmücket,
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Freudig hab' ich auf des Sommers Wegen
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Goldne Früchte deiner Huld gepflücket,
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Treibt der Herbst die Blätter mir entgegen,
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Ist die volle Traube ausgedrücket
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Zeig' ich in des heil'gen Weines Schein
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Dir dein Ebenbild den Menschen rein.

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Fromme Eltern hast du mir gegeben,
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Und die klare Seele mir umwand
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Lieblich leicht ein Leib zu Lust und Leben
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Daß ich in dem schönsten Vaterland
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Einer Hebe gleich umkränzt mit Reben
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An des Rheines deutscher Woge stand,
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Schönen Gartens, edlen Stammes Blüte,
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War ich selig, Herr, durch deine Güte.

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Und du führtest, Herr, auf sanftem Flügel
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Mich die Jungfrau, wo mein Kranz entsprossen,
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Hin zu meines Lebens frohem Hügel
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Wo sich reich die Aussicht mir erschlossen,
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Und des Heiles Quelle ohne Zügel
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Sich in meines Lebens Tal ergossen,
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Und des Hügels Lorbeern zu verschönen
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Könnt' ich sie mit Myrtenkränzen krönen.

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Aus des eignen Lebens Frühlingstrieben
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Sah ich edle Zweige mich umranken,
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Kinder wurden mir, die treu mich lieben
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Und dir, Herr, für ihre Mutter danken,
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Töchter, welche Zucht und Künste üben,
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Söhne, frei voll göttlicher Gedanken,
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Und so blühet ewig unverloren,
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Herr, dein Schatz mir neu aus mir geboren.

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Alles, was ein Mutterherz ersehnen
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Was getreue Sorge wünschen mag
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Ihrer Lieben Leben zu verschönen,
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Herr, durch dich mir vorbereitet lag,
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Und so tritt mein Glück in edlen Söhnen
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Und in frommen Töchtern hell zu Tag,
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Reich bin ich, der Kinder Geist zu schmücken,
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Die mich, Herr, durch deine Huld beglücken.

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Und so seh' ich, Karl, den ernsten Jungen
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Dort im Bilde sinnend, ernst und klug,
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Er und deine Welt sind wohl gelungen,
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Aber ihm scheint sie nicht gut genug,
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Hat er erst sie in sich selbst errungen
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Wird ein Lächeln wohl der trübe Zug,
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Der ihn, wie des Fürsten Bild umschwebet,
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Der umsonst nach einem Freund gestrebet.

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Aber hier wie kühn, verliebt, schwermütig,
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Jugendlich, erwartend, froh und träumend
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Waffenlustig, launig, keck und gütig
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Trotzt mein Clemens, sich mit Stahl umsäumend
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Lieber Jüngling vor Frau Venus hüt' dich,
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Deren Bild aus goldnen Bechern schäumend
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Gern der Knaben trotz'ge Locken scheitelt,
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Und der Stirne freien Plan vereitelt.

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Und Marie blicket aus dem Bilde
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Als ob höre sie des Engels Gruß,
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Also dacht' der Maler sich die milde,
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Aber ich, ich wünsch' ihr einen Kuß
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Von des Mondes zauberischem Schilde,
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Daß sie liebend wiederküssen muß,
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Könnt' ich ihre stillen Augen schließen;
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Säh' ich vor Maria Heloisen.

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Also dacht' ich, da in Dämmerungen
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Mich die lieben Bilder rings umgeben,
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Und da ist ein Saitenspiel erklungen,
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Goldne Töne ernsthaft mich umschweben,
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Wer hat also kühn den Klang geschwungen?
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Wer mag also frei die Töne weben,
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Aus den Tönen spricht ein heil'ger Wille,
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Bist du es Nanny, meine Ernste, Stille?

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Liebe Mutter, ja die Stille bin ich,
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Aber, was da klinget, ist die Liebe,
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Und weil sie so lieblich klinget, sinn' ich,
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Ob wohl noch ein Ton unklingend bliebe.
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Denn mein schweigend Herz liebt Gott so innig
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Daß ich alles gern zu tönen triebe,
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Ach zu Tönen, die allein unschuldig
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Sagen, was die Lieb' der Liebe schuldig.

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Also spricht ihr Spiel, und bricht in hellen
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Freuden funkelnd aus und zierlich schlüpfet
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Wie der Frühling von den Blumenschwellen
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Fanny vor mir hin und kindisch hüpfet
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In des zarten Leibes schönen Wellen
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Unschuld, Anmut, Mutwill frei verknüpfet
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Und die blonden seidnen Jugendlocken
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Gaukeln um sie wie des Maies Glocken.

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Und so kann ich schweigend selig lauschen,
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Wenn des Lebens Wogen niedereilen
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Wenn die Töne in die Nacht verrauschen,
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Was da ewig ist, muß doch verweilen
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Herr, dann möcht' ich nicht mit Göttern tauschen,
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Wenn die Kinder all ans Herz mir eilen
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Und mich also innig kindlich lieben,
96
Weil ich, Herr, vor dir ein Kind geblieben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clemens Brentano
(17781842)

* 08.09.1778 in Koblenz-Ehrenbreitstein, † 28.07.1842 in Aschaffenburg

männlich, geb. Brentano

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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