[ich träumte hinab in das dunkle Tal]

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Clemens Brentano: [ich träumte hinab in das dunkle Tal] (1812)

1
Ich träumte hinab in das dunkle Tal
2
Auf engen Felsenstufen
3
Und hab' mein Liebchen ohne Zahl
4
Bald hier, bald da gerufen.
5
Treulieb, Treulieb ist verloren!

6
Mein lieber Hirt nun sage mir,
7
Hast du Treulieb gesehen,
8
Sie wollte zu den Lämmern hier,
9
Und dann zum Brunnen gehen,
10
Treulieb, Treulieb ist verloren!

11
Treulieb in meinem Schoße saß
12
Dort oben an den Klippen
13
Und weil die Wangen ihr so blaß,
14
So küßt' ich ihre Lippen.
15
Treulieb, Treulieb ist verloren!

16
Ich blies die Flöte, ich flocht den Kranz
17
Ich gieng ihr Blumen zu pflücken,
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Ich wollte sie zum Abendtanz,
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Als meine Buhle schmücken.
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Treulieb, Treulieb ist verloren!

21
Da hört sie ein schallendes Jägerhorn
22
Da tät sie die Öhrlein stellen
23
Und schwang sich hinüber durch Distel und Dorn
24
Und folgte dem Waldgesellen.
25
Treulieb, Treulieb ist verloren!

26
Ich träumte hinab in den dunklen Wald
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Auf engen Felsenstufen
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Und habe mein Liebchen, daß es schallt
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Bald hier, bald da gerufen.
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Treulieb, Treulieb ist verloren!

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Mein lieber Jäger nun sage mir
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Hast du mein Lieb gesehen,
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Sie wollte in das Waldrevier
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Zu Hirsch und Rehen gehen.
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Treulieb, Treulieb ist verloren!

36
Treulieb lag heut in meinem Arm
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Im Schatten kühler Eichen
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Wir herzten uns, es ward ihr warm,
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Sie gieng ins Bad zu steigen.
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Treulieb, Treulieb ist verloren!

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Der Mühlbursch hell ein Liedlein pfiff
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Da tauchte Treulieb unter,
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Und tauchte auf, sprang in sein Schiff,
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Ohn' Hemd doch frisch und munter.
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Treulieb, Treulieb ist verloren!

46
Ich träume hin an Mühlbachs Rand
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Auf engen Felsenstufen
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Und habe in schallender Klippenwand
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Mein Liebchen oft gerufen.
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Treulieb, Treulieb ist verloren!

51
Nun lieber Müller nun sage mir
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Hast du mein Lieb gesehen
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Ich gab ihr Korn sie wollte hier
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Bei dir zur Mühle gehen.
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Treulieb, Treulieb ist verloren!

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Treulieb ist heut auf weichem Pfühl
57
In meinem Arm entschlafen,
58
Es klang die Schelle es klappte die Mühl',
59
Das Auffüllen hab' ich verschlafen.
60
Treulieb, Treulieb ist verloren!

61
Und als mich morgens die Reuter geweckt
62
Die hier vorbei gezogen
63
Hat sie der Trompeter in Mantel gesteckt
64
Und mich um sie betrogen.
65
Treulieb, Treulieb ist verloren!

66
Ich träumte hin auf der Reuter Zug
67
In Staub erkannt' ich die Hufen
68
Und wo das Herz mir lauter schlug
69
Hab' Treulieb ich gerufen.
70
Treulieb, Treulieb ist verloren!

71
Mein lieber Reuter willst du mir
72
Wo Liebchen ist wohl sagen,
73
Ich weiß sie hat geholfen dir
74
Dein Zeltlein aufzuschlagen.
75
Treulieb, Treulieb ist verloren!

76
Treulieb bei mir im Zelte lag,
77
Das Pulfer hat sie gerochen
78
Die ganze Nacht, doch früh am Tag
79
Da ist sie aufgebrochen.
80
Treulieb, Treulieb ist verloren!

81
Es zog der Bettelstudent vorbei
82
Und spielte auf der Leier
83
Sie guckt hinaus, was es wohl sei
84
Und folgt dem neuen Freier.
85
Treulieb, Treulieb ist verloren!

86
Ich träumte, ich folg' der Leier Klang
87
Hinab viel Felsenstufen
88
Und habe auf dem bittren Gang,
89
Mein Liebchen noch oft gerufen.
90
Treulieb, Treulieb ist verloren!

91
Mein lieber Schüler sage mir
92
Hast du Treulieb gesehen
93
Sie wollt', ich weiß es wohl, bei dir
94
Zur Singeschule gehen.
95
Treulieb, Treulieb ist verloren!

96
Treulieb fraß mit mir auf einmal
97
Wohl Bettelbrot zwei Pfunde
98
Den Wein den sie dem Reuter stahl
99
Trank ich aus ihrem Munde.
100
Treulieb, Treulieb ist verloren!

101
Doch als ich an der Schmiede stand
102
Ums Abendbrot zu singen
103
Viel größre Freude sie empfand
104
An kräft'gem Hammerschwingen.
105
Treulieb, Treulieb ist verloren!

106
Mein lieber Meister wohlgestalt
107
Sprach sie zum ruß'gen Mohren
108
Beschlag mich lieber warm als kalt
109
Viel Eisen hab' ich verloren.
110
Treulieb, Treulieb ist verloren!

111
Ich träumt' zur Schmiede den schwarzen Gang
112
Hinab so viele Stufen
113
Und lauter als der Hammer klang
114
Hab' ich Treulieb gerufen.
115
Treulieb, Treulieb ist verloren!

116
Der Meister sprach sie hat der Knecht
117
Der Knecht, sie hat der Bube
118
Der Bube wies mich dann zurecht,
119
Zu Todengräbers Stube.
120
Treulieb, Treulieb ist verloren!

121
Ich träumt' hinab ins Totental
122
Wohl tausend dunkle Stufen
123
Und hab' mein Lieb wohl tausendmal
124
Mit bittrer Angst gerufen.
125
Treulieb, Treulieb ist verloren!

126
Mein Todengräber nun sage mir
127
Hast du mein Lieb gesehen
128
Auf ihrer Mutter Grab allhier
129
Wollt' sie die Blumen säen.
130
Treulieb, Treulieb ist verloren!

131
Treulieb lag bei mir manche Nacht
132
Und sang mir freche Lieder
133
Und wenn ich ein Fräulein zu Grab gebracht
134
Da stahl sie ihr den Mieder.
135
Treulieb, Treulieb ist verloren!

136
Sie stiehlt der Braut den Jungfernkranz
137
Die schwarzen Todenschuhe
138
Die zieht sie an und gieng zum Tanz,
139
Und nimmt den Leichen die Ruhe.
140
Treulieb, Treulieb ist verloren!

141
Und als sie nach goldnen Ringen sucht
142
Und in den Sarg tät langen,
143
Der tote Jude der tief verflucht
144
Hat zärtlich sie umfangen.
145
Treulieb, Treulieb ist verloren!

146
Wo ist des toten Juden Grab,
147
Wo ruht der böse Bube
148
Der Totengräber zur Antwort gab
149
Geh nach der Schindergrube.
150
Treulieb, Treulieb ist verloren!

151
Ich träumte zum dunklen Galgen hin
152
Hinauf viel tausend Stufen
153
Und hab' mein Lieb mit wildem Sinn
154
Wie Raben und Geier gerufen.
155
Treulieb, Treulieb ist verloren!

156
Nun toder Jude sage mir
157
Hast du Treulieb gesehen,
158
Sie wollte ganz allein zu dir
159
Um dich zu taufen gehen.
160
Treulieb, Treulieb ist verloren!

161
Sie lag bei mir zur zwölften Stund,
162
Und hat mir's nicht gedanket
163
Es heulte zum Mond des Schinders Hund
164
Der Gehenkte im Galgen schwanket.
165
Treulieb, Treulieb ist verloren!

166
Da läßt sie die edle vertrauliche Gruft
167
Und stiehlt mir meine Geschmeider
168
Und steigt herauf zu dem luftigen Schuft,
169
Auf der dünnen Galgenleiter.
170
Treulieb, Treulieb ist verloren!

171
Ich träumte hinauf ins leere Schloß
172
Wohl auf der Leiter Stufen
173
Und habe auf jeder Galgenspross'
174
Nach meinem Lieb gerufen.
175
Treulieb, Treulieb ist verloren!

176
Nun sag' mir mein gehenkter Schuft
177
Hast du Treulieb gesehen,
178
Sie schöpfte hier wohl frische Luft
179
Und wollte um sich sehen.
180
Treulieb, Treulieb ist verloren!

181
Sie hat mit mir im Mondenschein
182
Ein Stündchen sich geschaukelt,
183
Da hob sich Lärm und wildes Schrein
184
Da kam es heran gegaukelt.
185
Treulieb, Treulieb ist verloren!

186
Zuerst der Hexen Troß voran
187
Auf Gabeln und auf Besen,
188
Und dann der Meister Urian
189
Der hat sie sich erlesen.
190
Treulieb, Treulieb ist verloren!

191
Er faßt die Jungfer sich aufs Korn
192
Mit angenehmen Sitten
193
Sie faßt den Teufel bei dem Horn
194
Zum Blocksberg sie dann ritten.
195
Treulieb, Treulieb ist verloren!

196
Ich träumte hinauf die steile Höh'
197
Auf engen Felsenstufen,
198
Und hab' mit Ach und hab' mit Weh
199
Nach meinem Liebchen gerufen.
200
Treulieb, Treulieb ist verloren!

201
Nun lieber Teufel sage mir
202
Hast du Treulieb gesehen
203
Sie kam allein herauf zu dir,
204
Dich kämpfend zu bestehen.
205
Treulieb, Treulieb ist verloren!

206
Treulieb sie küßte mich unterm Schwanz,
207
Ich war ihr wohlgewogen,
208
Doch hat sie mir beim wilden Tanz
209
Ein Ohr schier abgelogen.
210
Treulieb, Treulieb ist verloren!

211
Geh nimm sie wieder da sitzet sie,
212
Auf einem Katzendrecke,
213
Bist du Treulieb ich laut aufschrie,
214
Als ich das Luder entdecke.
215
Treulieb, Treulieb ist verloren!

216
Mein lieb Treulieb, nun sage mir
217
Hast du Treulieb gesehen
218
Sie soll nun mir in dir allhier
219
Wahrhaftiglich bestehen.
220
Treulieb, Treulieb ist verloren!

221
Treulieb, Treulieb sie sitzt allhie
222
Auf mir dem falschen Schwure.
223
Treulieb ist Dichterphantasie
224
Und ich bin deine Hure.
225
Treulieb, Treulieb ist verloren!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clemens Brentano
(17781842)

* 08.09.1778 in Koblenz-Ehrenbreitstein, † 28.07.1842 in Aschaffenburg

männlich, geb. Brentano

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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