[durch die stummen Wälder irrte]

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Clemens Brentano: [durch die stummen Wälder irrte] (1811)

1
Durch die stummen Wälder irrte
2
Ohne Lämmer, ohne Liebe,
3
Träumerisch ein armer Hirte,
4
Unbekümmert, wo er bliebe.

5
Leichten Sinn in schwerem Herzen
6
Trug er durch des Tags Gewimmel,
7
Bittre Freuden, süße Schmerzen
8
Zogen über ihm am Himmel.

9
Diesem trüben Wolkenfluge,
10
Dicht verschleiernd ihm die Sterne
11
Folgt er mit geheimem Zuge,
12
In die sehnsuchtsvolle Ferne.

13
Ohne Ruhe seine Füße,
14
Über Berg und Tal hinunter,
15
Seine Lippen ohne Grüße –
16
Traurig Herz, wie bist du munter!

17
O ihr grünen treuen Buchen!
18
O ihr ew'gen ernsten Eichen!
19
Sagt ihm, was ist wert zu suchen,
20
Gebet seinem Weg ein Zeichen.

21
Gieb o Fels ihm eine Stimme,
22
Flüstre zu ihm fromme Quelle,
23
Welchen Gipfel er erklimme,
24
Daß sich ihm das Herz erhelle.

25
Stilles Röslein aus dem Strauche
26
Ihm mit trauten Augen winke,
27
Klarer Lilienkelch, o hauche,
28
Süß ihm zu, daß Trost er trinke.

29
Ist ein Heiland wo geboren?
30
Heil'ge Nacht, Kometen schwingend
31
Zeig den Pfad, den er verloren,
32
Ihn gen Bethlehem, hinbringend.

33
Stumm bleibt Fels und Tal und Bäume
34
Blumen duftlos, Quell ohn' Klarheit,
35
Und sein Schlummer ohne Träume,
36
Und sein Wachen ohne Wahrheit,

37
Und er sitzet bei den Weiden
38
Läßt die traurigen Gedanken,
39
Wie verwaiste Lämmer weiden
40
Unter wilden Epheuranken.

41
Als ihn auf dem nahen Grunde,
42
Den ein dichter Nebel decket,
43
In der stillen Abendstunde,
44
Laut ein Hirtenspiel erwecket.

45
Bei dem Klange der Schalmeien
46
Hört er zu dem frohen Spiele,
47
Und sie singen, und sie reihen,
48
Ohne daß sein Blick hinfiele.

49
Doch bald hört er tief erquicket,
50
Eine nur aus all den Stimmen,
51
Wie man gern auf Blüten blicket,
52
Die auf lauten Quellen schwimmen.

53
Zwar verschlungen in dem Spiele
54
Hört er sie doch ganz alleine,
55
Gleich als ob die Sonne ziele
56
Zu ihr mit vertrautem Scheine.

57
Also weilt auf Waldes Gipfel
58
Gern das Auge in den Kronen,
59
Die die Sonne in die Wipfel
60
Hänget, wo die Nimpfen wohnen.

61
Also, wenn der Tag gesunken,
62
Folgen gern der Sehnsucht Blicke
63
Schweifenden Johannisfunken
64
Zu geträumtem Liebesglücke.

65
So schien ihm das Tal der Spiegel
66
Eines Nacht anschaunden Flusses,
67
Und die Stimme schien das Siegel
68
Eines klaren Mondeskusses.

69
Und das Licht der eignen Blicke
70
Zündend an der Stimme Schimmer,
71
Sprach er: find' ich keine Brücke,
72
Werde ich ein sel'ger Schwimmer.

73
Dieses Antlitz will ich schauen,
74
Das mit solchem Zauber redet,
75
Das mir Friede und Vertrauen,
76
In die tote Brust gebetet.

77
Und der Hirte eilte singend,
78
Fand da bei den Weiden sitzend
79
Einen Jüngling Körbe schlingend
80
Und gezierte Pfeile spitzend.

81
Diesen fraget nun der Hirte
82
Weißt du Flechter, wo sie wohne,
83
Die mir meinen Gram entwirrte
84
Mit der Stimme liebem Tone.

85
Ob ich's weiß, lacht da der Schlaue
86
Diese Körbe, diese Pfeile
87
Sind für sie, zu ihrer Aue
88
Führ' ich dich in kurzer Weile.

89
Und er folgt, im Mondenscheine
90
Wunderbare Träume spinnend,
91
Daß sie also ihm erscheine
92
Sich ein falsches Bild ersinnend,

93
Blaue Augen, blonde Locken
94
Und ein Mund voll stiller Freuden,
95
Wie die süßen Blumenglocken,
96
Die den lieben Mai einläuten.

97
Und mit seligem Verstummen
98
Lauscht er auf die goldnen Bienen
99
Die mit süß berauschtem Summen
100
Ihm zu ihr zu schweben schienen.

101
Und er schreitet durch die Pforte
102
Und er stehet in dem Garten
103
Ist nun an dem lieben Orte
104
Seine Freude zu erwarten.

105
Ach welch wunderbar Erstaunen,
106
Die sein Traum sich golden sonnte
107
Sie gehöret zu den Braunen,
108
Und er dacht' an eine Blonde.

109
Als er zu ihr niedersitzet,
110
Nimmt sie still des Flechters Körbe
111
Und die Pfeile süß gespitzet –
112
Ob am Korb am Pfeil ich sterbe?!

113
Denkt der überraschte Hirte,
114
Schauend in den dunklen Bronnen
115
Ihrer Augen, und verwirrte
116
Sich in tausend Zauberwonnen.

117
Der die Hirtin wollte finden
118
Hat die Zauberin gefunden,
119
Der nur Kränze wollte winden,
120
Ward mit Frauenhaar gebunden.

121
Mit den Pfeilen spielend, drückte
122
Sie den Pfeil ins Herz dem Hirten,
123
Den die Stimme hoch entzückte,
124
Macht der Anblick zum Verwirrten.

125
Nimmermehr vor ihr zu stehen,
126
Gieng er von ihr fest entschlossen
127
Hat sie nochmals angesehen
128
Und die Pforte dann geschlossen.

129
Wo die Wälder tiefer dunkeln
130
Hörte er den Flechter lachen:
131
Sahst du ihre Augen funkeln,
132
Träumend kamst du, lerne wachen.

133
Wen dies braune Kind gerühret,
134
Der wird nimmermehr genesen,
135
Amor ist, der zu ihr führet,
136
Amor bin ich dir gewesen.

137
Und der Hirte gieng erzürnet
138
In den Hain, der nun ihm rauschte,
139
Und sein Himmel war gestirnet
140
Stimmen hört er, wo er lauschte.

141
Ja, weil sie sein Herz erhoben,
142
War die ganze Welt belebet,
143
Tief im Tal, am Himmel oben,
144
Überall die Braune schwebet.

145
Manche Blume muß er pflücken,
146
Ordnet sie zum Bilderstrauße,
147
Schickt sie deutend sein Entzücken
148
Zu der braunen Zaubrin Klause.

149
Und der Strauß sprach, dich du Blonde
150
Ich in meines Traumes Sonnen
151
Also töricht liebend sonnte,
152
Daß du braune Glut gewonnen.

153
Und du mußtest mich bestrafen,
154
Aus der braunen Nacht der Augen,
155
Mich zwei Sterne zielend trafen,
156
Die mir nie mehr untertauchen.

157
Als er später wieder nahte,
158
War er stumm und sie war gütig,
159
Ihre Augen voller Gnade,
160
Nein sie ist nicht übermütig!

161
Sieh, da trat zu ihrer Zelle
162
Fest ein Mann mit tapfrem Wesen,
163
Ihre Blicke wurden schnelle,
164
In den Augen ihm zu lesen.

165
Und er war so schön gerüstet,
166
Mit den Narben deutsch geschmücket
167
In der Brust so treu gebrüstet,
168
Daß sie seine Hände drücket.

169
Und der Hirte still gerühret,
170
Müßte sich des Manns erfreuen,
171
Säh' er, im Triumph geführet,
172
Seinen Strauß selbst vor ihm streuen.

173
Und als er nun von ihr gehet
174
Solche Neigung nicht zu stören,
175
Schön die Braune vor ihm stehet
176
Läßt ihn güt'ge Worte hören:

177
Ich will gern dich wiedersehen,
178
Du darfst mir den Strauß erklären,
179
Er soll mir nicht untergehen
180
Welkend sich mir nicht verzehren.

181
Und der Hirte spricht: du Fromme
182
Er ist tapfer, ich bescheiden,
183
Und wenn ich nun zu dir komme
184
Bist du himmlisch allen beiden.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Clemens Brentano
(17781842)

* 08.09.1778 in Koblenz-Ehrenbreitstein, † 28.07.1842 in Aschaffenburg

männlich, geb. Brentano

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.