[du Herrlicher! den kaum die Zeit erkannt]

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Clemens Brentano: [du Herrlicher! den kaum die Zeit erkannt] (1810)

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Du Herrlicher! den kaum die Zeit erkannt,
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Der wie ein schuldlos Kind
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Begeistert fromm die treue keusche Hand
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Nach Gottes Flamme streckte,
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Der für das Eitle blind
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Ohn' umzuschaun zur Wiege alter Kunst
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Durch neuer Lüge Götzentempel drang,
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Und stillanschaund die Göttliche erweckte.
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Sie lächelte und nannte dich den Ihren,
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Der ihr die ird'schen Kränze so bedeutend schlang
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Und wollte dich, mit ihr zu triumphieren
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Zum sel'gen Born von allem Lichte führen.

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Wer dich geliebt, verstand den schönen Traum,
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Den du im Himmel träumtest, dessen Schatten
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Auf unsrer dunklen Erde lichten Saum
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Weissagend niederfiel. –
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Dein Künstlerwerk, es schien ein zierlich Spiel,
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Es rankte blumig auf und betend vor der Sonne
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Setzt fromme Kindlein du in süßer Kelche Wonne;
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Doch wie im Frühlingstaumel fromm ein Herz
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Das Siegsgepräng' des ew'gen Gottes liest,
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Wie in des Lebens ernstem Blumenscherz
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Dem Schauenden die Tiefe sich erschließt,
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So steht, die Schwester dieser sündentrunknen Zeit,
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Vor deinen Bildern glaubend, hoffend, liebend, die Beschaulichkeit.

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O trauert nicht um seinen frühen Tod!
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Er lebte nicht, er war ein Morgenrot,
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Das in der Zeiten trauriger Verwirrung
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Zu früh uns guter Tage Hoffnung bot,
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Wer dieser Blüte Früchte konnte ahnen,
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Der mußte tief bewußt der eigenen Verirrung,
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Der eignen Armut sich beschämend mahnen;
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So mußt' auch ich, wenn ich sein Werk durchdachte,
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Das wie ein Gottentzückter selig lachte,
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Zu mir, bewegt in ernster Demut sagen:
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Wie sollen die Vollendung wir ertragen?
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Und auf dem Babylon rings sah ich ragen,
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Die Kreuze frech, den Helden dran zu schlagen.

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O trauert nicht um seinen frühen Tod!
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Er lebte nicht, er war ein Abendrot,
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Verspätet aus verlornen Paradiesen
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Ließ täuschend es in unsrer Nächte Not
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Die ahndungsreichen Schimmer fließen.

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Und wer an seinem Grabe eine Nacht
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In Tränen harrt, bis daß der Tag erwacht,
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Den seines Lebens Morgenstern verhieß,
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Der wird, ist er ein Kind, den Morgen kaum erleben,
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Ist er ein frommer Mann, mit ihm, der uns verließ,
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Im Tode nur zum neuen Tage schweben.
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Die Zeit, sie ist die Nacht, in der wir weinen,
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Der Vorzeit Traum, er ist's, den wir verloren,
52
Der Nachwelt, wird der Tag ihr einst erscheinen,
53
Lebt unser Freund auf ewig – mir ist er geboren.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clemens Brentano
(17781842)

* 08.09.1778 in Koblenz-Ehrenbreitstein, † 28.07.1842 in Aschaffenburg

männlich, geb. Brentano

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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