O lasse Geliebter mich einsam leben!

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Clemens Brentano: O lasse Geliebter mich einsam leben! Titel entspricht 1. Vers(1808)

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O lasse Geliebter mich einsam leben!
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Dem Tode bin ich früh geweiht,
3
Ich kann dir nicht Friede nicht Freude geben,
4
Doch beten für dich in Einsamkeit.

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Ich will dir Geliebte dein Zellchen bauen,
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Mein Herz ist einsam und dir geweiht.
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Und durch meine Augen kannst du wohl schauen
8
Den Himmel so nah, die Welt so weit.

9
Die Arme, ich will sie dicht um dich schlingen,
10
Wie Liebeszweige, an Früchten schwer,
11
Die Lippe, sie soll dir wie Echo klingen,
12
Wie Vöglein springen mein Lied umher.

13
Dein Händchen, o leg's an mein Herz, es schläget
14
Im Busen mir ein lebend'ger Quell
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Und wie sich in Liebe Liebe beweget,
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Springt er dir entgegen so freudig hell.

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Du kannst nicht lieben, nicht glauben, so ziehe
18
So ziehe nur hin in deinen Tod,
19
Die Sonne schien in dein Bettchen zu frühe,
20
Verschlafe nur nicht dein Abendrot.

21
Noch alle Tag' ist's nicht Abend geworden,
22
Mir bringet die Zeit noch Rosen einst,
23
Ich ziehe nach Süden, leb' wohl in Norden,
24
Du lachst mir noch, wie du nun weinst.

25
Und hinter dem Berge der Freund verschwindet,
26
Die Sonne geht durchs Himmelstor,
27
Sein Bündelchen traurig das Mädchen bindet,
28
Steigt mit dem Mond am Berg empor.

29
Es stehen die Wälder so stille, stille,
30
Des Berges Ströme sausen wild,
31
O stärke den Mut mir, stark ist der Wille,
32
So betet sie am Heil'genbild.

33
Da läutet im Winde ein Silberglöckchen,
34
Sie tritt in die Zelle von Rosenholz,
35
Und nimmt das braunseidene Klausnerröckchen,
36
Legt an die Demut, legt ab den Stolz.

37
Und wie sie die bunten Kleider hinleget,
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Schlägt ihr das Herz im Busen laut,
39
Die Flöte der Wanduhr so sanft sich reget,
40
und singt das Nachtlied der Himmelsbraut.

41
»gut Nacht, o mein Liebchen, auf seidnem Moose,
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Ach wie so sehnend die Nachtigall singt,
43
Am Fensterchen glühet die treue Rose,
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Die Rose, die einst die Zeit mir bringt.

45
Ich mußte die Hütte, den Garten geben,
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Zu bauen dein Zellchen so schön und fein,
47
Und muß nun wie du in der Wildnis leben,
48
Mit meiner Sehnsucht so einsam sein.

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O Liebchen schlaf wohl, von deinem Schoße,
50
Fällt klingend der perlene Rosenkranz,
51
Es schläft nicht der Treue auf seidnem Moose,
52
Ihm flicht wohl die Liebe den Dornenkranz.«

53
So singt ihr die Flöte, doch verstehen
54
Kann Liebchen nicht des Liedes Leid,
55
Der Liebe Bitten, der Liebe Flehen,
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Scheint ihr das Lied der Einsamkeit.

57
So lebt sie lange, ungeschmücket
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Die Tage hin, die Nächte hin,
59
Und schon die Rose sich niederbücket
60
Sieht nicht mehr nach der Klausnerin,

61
Die Stürme sausen in wilden Nächten,
62
Wohl lauter als die Flöte sang,
63
Im Walde die Hirsche brünstig fechten
64
Die Welt wie wild, die Zeit wie lang.

65
Und sitzet sie traurig an der Türe,
66
So eilen auf verschlungner Bahn
67
Die Rehe paarweis, die scheuen Tiere
68
Und stehen still und sehn sie an.

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»o Zeit o wolle die Rosen brechen,
70
Wie einsam ist Liebchen, wie allein,
71
In Sehnsucht will ihr das Herz zerbrechen,«
72
So schreibt sie oft auf Täfelein.

73
Und heftet sie dann an die Geweihe
74
Der Hirsche, die sie zahm gemacht,
75
Und mustert sie ängstlich nach der Reihe,
76
Ob keiner Antwort ihr gebracht.

77
Weint Liebestränen, schlingt durch die Locken
78
So weltlich den perlernen Rosenkranz,
79
Und schürzt das Röckchen, schmückt ihre Socken
80
Mit Waldes Blumen, möcht' gern zum Tanz.

81
Und regen die Büsche im Mond sich helle,
82
Und flötet die Nachtigall süß und mild
83
So kann sie nicht schlafen, steht an der Zelle,
84
Und glaubet, sie sähe des Lieben Bild.

85
Umarmt die Bäume mit Liebesgeberde,
86
Und reicht den blühenden Zweigen die Hand,
87
Und kühlt sich den Busen an kühler Erde,
88
Und zeichnet sein Bildnis in reinen Sand.

89
Oft hebt sie die Füßchen, sie tanzt so gerne
90
Und beißt sich die Lippen, sie küßt so gern,
91
Am Himmel da stehen so ruhig die Sterne,
92
O weh mir wie einsam, die Liebe ist fern.

93
So eilet der Frühling, der Sommer gehet,
94
Es senken die Büsche das grüne Dach,
95
Und sie wird nicht ernten, die nicht gesäet,
96
Nicht ruhig schlafen, die Reue ist wach.

97
»du hast nicht geglaubt, nicht geliebt, so blühe
98
Verblühe nur hin in deinen Tod
99
Die Sonne schien in dein Bettchen zu frühe,
100
Verschlafe nur nicht dein Abendrot.«

101
So wiederholt sie im Traum seine Worte
102
Es pochet im Herzen, ja poche nur,
103
Sie gehet im Traume wohl an die Pforte,
104
O wehe es pochte im Herzen nur!

105
Sie weinet getäuschet, und bleibet stehen,
106
Da tönen Worte zu ihr hin,
107
O laßt ohn' Obdach mich nicht gehen
108
Gott lohnt euch, fromme Klausnerin.

109
Sie öffnet die Türe, in lauter Freude
110
Kann sie nicht reden, ihr Auge bricht,
111
In Liebestränen, und Freud und Leide,
112
Denn ach es ist der Geliebte nicht.

113
Und wie sie so weinet, steht still der Alte
114
Das Haupt gesenket, blickt sie nicht an,
115
O Jungfrau verzeih', daß ich krank dich halte,
116
Du bist wohl der Welt noch zugetan.

117
So redet er zürnend, und vor ihm nieder,
118
Kniet weinend die arme Klausnerin,
119
Und fleht, gieb mir den Geliebten wieder,
120
O führ' mich wieder ins Leben hin.

121
Der Alte spricht ruhig in jener Klause,
122
Die gestern mein Dach gewesen ist,
123
Ist Andacht und Friede wohl mehr zu Hause
124
Da wohnet wohl ein beßrer Christ.

125
Da wohnet ein Jüngling, fromm und stille,
126
Und tuet Gutes, ist ohne Tand,
127
Er wählte durch der Geliebten Wille
128
Sich also schwer betrübten Stand.

129
Die Klausnerin jammert und ringet die Hände,
130
Und will nicht bleiben, will zu ihm hin,
131
O sage mir Greis, wohin ich mich wende,
132
In welchem Tale finde ich ihn.

133
Es weinet der Alte, so tief gerühret
134
Hat ihn der ird'schen Liebe Streit,
135
Es schmückt sich die Holde, als Braut gezieret
136
Steht sie im braunen seidnen Kleid.

137
Und hastig zieht sie ihn von der Schwelle,
138
Will mit ihm nach dem Tale gehn,
139
Die Nacht ist so ruhig, der Mond so helle,
140
Der Greis bleibt bei den Rosen stehn.

141
Und bricht die Rosen, und knieet nieder
142
Ein Jüngling vor der geliebten Braut,
143
Sie kann ihn umarmen, und wieder, wieder,
144
Sie weint so stille und lacht so laut.

145
Schlaf' wohl, o mein Liebchen auf seidnem Moose,
146
Die Zeit bringt Rosen, o süße Zeit!
147
Das Einsiedlerröckchen ist leicht und ist lose,
148
Der Himmel so nahe die Welt so weit.

149
Auf, auf o mein Liebchen, ich will uns bringen,
150
Zur Freude hin, geschwind wie der Wind,
151
Und auf die gesattelten Hirsche sich schwingen.
152
Der Jüngling und sein getreues Kind.

153
Es fliehen die Berge, es fliehen die Haine,
154
Die Städte stehen, und sehen nach,
155
Dann setzt er sie nieder und küßt sie am Rheine,
156
O Liebchen, wer flöhe den beiden nicht nach.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clemens Brentano
(17781842)

* 08.09.1778 in Koblenz-Ehrenbreitstein, † 28.07.1842 in Aschaffenburg

männlich, geb. Brentano

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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