[es stehet im Abendglanze]

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Clemens Brentano: [es stehet im Abendglanze] (1803)

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Es stehet im Abendglanze
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Ein freies heiliges Haus
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Da sehen mit schimmernden Augen
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Viel Knaben und Jungfraun heraus,
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Dort hab' ich mein Liebchen gesehen
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Ein freundliches zierliches Kind,
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Sie konnte wohl schweben und drehen,
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Wie fallende Blüten im Wind.

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Und die in dem Hause wohnen
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Sind heilig und wissen es nicht
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Sie leben mit Kränzen und Kronen
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Alltäglich ein neues Gedicht
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Sie sind gleich den Göttern und handlen,
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Wohl täglich in andrer Gestalt,
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Mein Liebchen wird auch sich verwandlen
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Das tut meinem Herzen Gewalt.

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O Liebchen, wo bist du geblieben,
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Ich steh' vor dem schimmernden Haus,
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Und will dich bescheiden nur lieben
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O Liebchen o sehe heraus
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Ich will dein pflegen und warten,
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Im Herzen so treu, als ich kann,
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Da seh' ich dich sitzen im Garten
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Wohl bei einem reichen Mann.

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So kauf' ich mir Rechen und Spaten
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Bind' mir ein grün Schürzelein vor
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Und gehe wohl als ein Gärtner
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An des reichen Mannes Tor
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Tu auf, tu auf den Garten,
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Ich will dir wohl ohne Sold
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Die Blumen all pflegen und warten
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Sie sind ja mein Silber und Gold.

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So sei mir o Gärtner willkommen
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Zieh hoch die Blumen mir,
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Zieh lang sie zu blühenden Ketten
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Ich habe ein Vögelchen hier,
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Zieh hoch und dicht eine Laube
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Zieh mir ein Gitterhaus
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Daß keiner mein Vögelchen raube,
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Und es nicht fliege aus,

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Da klingt wohl sanft und süße
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Im Garten ein heilig Lied
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Die Bäume senden Grüße,
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Die Blume lauschend blüht,
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Da seh' ich mein Liebchen so weinen,
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So blicken zu mir herauf,
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Die Sonne will nicht mehr scheinen,
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Die Blumen sie gehen nicht auf.

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So hast du dann verlassen
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Der Götter freies Haus
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Der Locken Gold muß blassen,
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Der Augen Licht geht aus
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O Liebchen o sei nicht so munter,
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Du hast vergeudet dein Los,
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Dein Sternlein, es gieng ja unter
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Tief in des Meeres Schoß.

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Ans Meer will ich mich stellen
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Betrübt im Abendschein,
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Und sehn, wie in die Wellen
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Versinkt dein Sternelein,
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Und niedersehn und weinen,
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Die Tränen all hinab,
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Sie wollen sich ja vereinen
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Mit deines Sternes Grab.

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Dies Lied hab' ich ersonnen
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Wohl vor dem Zauberhaus,
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Das glänzt in der Abendsonnen,
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Du blickst nicht mehr heraus
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Als Jugend um Liebe mußt brennen
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In irrem Liebeswahn,

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clemens Brentano
(17781842)

* 08.09.1778 in Koblenz-Ehrenbreitstein, † 28.07.1842 in Aschaffenburg

männlich, geb. Brentano

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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