Claudia

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Clemens Brentano: Claudia (1803)

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Durch grüne Auen wollt' ich mit dir schweifen,
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Wärst du des süßen Maien frohes Kind,
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Und wollte sinnreich nach den Blumen greifen,
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Zu flechten dir ein zärtliches Gewind',
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Wir Blüten werden all in Liebe reifen,
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So spräch' der Kranz, weil wir dir ähnlich sind.
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Doch keine Blume ist vor dir entsprungen,
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Der ungeteilten Kraft bist du gelungen.

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In leisem Schlummer träumend sinnt die Erde,
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Wie sie die Junge Zeit erfreuen soll,
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Da sieht sie dich, in züchtiger Geberde
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Stehst du vor ihr so sinnend, liebevoll,
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Und jungfräulich begrüßte Dich ihr Werde,
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Der keine Blume noch am Busen schwoll.
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Doch bald die Einsamkeit dir zu versüßen,
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Läßt als Gespielen sie dich Veilchen grüßen.

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So fehlen Blumen, Blume dich zu kränzen,
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Die selbst des Jahres frühste Blume blüht,
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Doch in des Lebens Garten ohne Grenzen,
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In dem der Frühling ewig kehrt und flieht,
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Seh' eine edle Blume fern ich glänzen,
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Die bis zum Namen selbst dir ähnlich sieht,
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Das Herrliche kehrt ewig zu dem Leben,
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Und jeder Sommer muß uns Lilien geben.

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Dich Römerin, Vestale seh' ich wieder,
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Dich
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Keusch hüllt ein reiner Schleier dir die Glieder,
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Die aller Liebe reine Flamme nährt.
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Es priesen uns noch keines Sängers Lieder,
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Den hohen Sinn, den uns dein Leben lehrt,
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Bescheidne, zürne nicht, laß es gelingen,
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Die Römerin will der Barbare singen.

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Da
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Will er, als Sieger soll ihn Roma sehn,
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Der in der eignen Tat den Römer ehrte,
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Will im Triumphe auch die Tat erhöhn,
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Doch ein Tribun, der tiefen Haß ihm nährte,
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Will ungepriesen soll sein Werk vergehn:
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Es läßt der Mächtige dem Sieger sagen,
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Du sollst durch Rom nicht deine Lorbeern tragen.

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Doch achtet, trotzend auf des Sieges Flügel,
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Der Feldherr nicht des Richters ernsten Stab,
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Im Heeresprunk grüßt er die sieben Hügel,
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Von seines Wagens goldner Höh' herab,
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Und tausendfach in heller Waffen Spiegel
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Grünt ihm der Lorbeer, den der Sieg ihm gab,
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Es lenket durch des Volkes laute Mitte,
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Der Zug zum Kapitole hin die Schritte.

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Da öffnet zweien sich des Volks Gedränge,
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Erzürnt tritt der Tribun zum Sieger hin,
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Ihn, dem er untersagt des Siegs Gepränge,
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Will er gewaltsam von dem Wagen ziehn:
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Auch
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Zu ihrem Vater und umfasset ihn.
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Besiegt muß der Tribun zum Volke kehren,
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Den sie berührte, muß er zürnend ehren.

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Die Jungfrau gab dem Sieger das Geleite,
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Der mit dem Adler nun die Taube trug,
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So stand sie schüchtern an des Vaters Seite,
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Und um die Tochter er den Purpur schlug,
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In schönerm Sieg trug sie aus schönerm Streite,
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Zum Capitole hin der laute Zug:
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So Heldenmut und Schönheit sich gesellten,
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Es triumphiert die Holde mit dem Helden.

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Wer auf der Erde gleich den Göttern handelt,
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Dem öffnet sich der hohen Götter Kreis,
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Auf Erden sind sie menschlich einst gewandelt,
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Und waren edel, sinnbegabt, und weis',
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Zu Göttern hat der Glaube sie verwandelt,
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Denn Göttlichkeit ist aller Schönheit Preis,
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So wollte
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In deiner Heimat Götter Mitte treten.

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Zu Schiffe auf der gelben Tiber Wogen
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Führt man
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Schon nahet sich des Segels voller Bogen,
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Der Göttin Ankunft eilt von Mund zu Mund,
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Sie zu empfangen kommt das Volk gezogen,
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Doch plötzlich faßt den Kiel des Flusses Grund,
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Und wie sich auch der Schiffer Arme regen,
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Fest ruht das Schiff, und läßt sich nicht bewegen.

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Da flehet knieend
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Der hohen Götter gute Mutter an,
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Löst dann den keuschen Gürtel vom Gewande,
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Und zu dem Schiffe führet sie der Kahn,
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Den Gürtel knüpft sie an des Kieles Rande,
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Und gütig folgt
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Stumm sieht das Volk sie durch die Wellen gleiten
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Von Reinen lassen Götter gern sich leiten.

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So in des Vaterlandes großer Sitte
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Lebt
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Nun teilst du,
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Ein frommes treues Kind des Vaters Los.
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Was göttlich noch auf Erden, folgt dem Schritte
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Der Jungfrau gern noch in des Hauses Schoß.
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Strebt Ihr zu gleichen, der wir uns verbanden,
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Ich liebe Sie, die früher ich verstanden.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clemens Brentano
(17781842)

* 08.09.1778 in Koblenz-Ehrenbreitstein, † 28.07.1842 in Aschaffenburg

männlich, geb. Brentano

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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