[es ging verirrt im Walde]

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Clemens Brentano: [es ging verirrt im Walde] (1802)

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Es ging verirrt im Walde
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Ein Königstöchterlein
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Laut weint sie, daß es schallte
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Tief in den Wald hinein.

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An meiner Krone blinken,
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Schmaragd und auch Rubin,
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Um einmal nur zu trinken,
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Gäb' ich sie gerne hin.

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Da schwebt zu ihrem Haupte
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Ein edler Falke bald,
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Der ihr die Krone raubte
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Und tiefer flog zum Wald.

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Sie folgt ihm, hoch in Lüften
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Trägt er die Krone hell
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Bis wo in dunklen Klüften
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Erbraust ein kühler Quell.

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O Falke Luftgeselle
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Nimm hin die Krone mein,
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So kühl als diese Quelle
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Mag keine Krone sein.

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Es braust so wonnig unten
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Tief in der Felsen Schoß,
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Von Schatten still umwunden,
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Ruht sie auf weichem Moos,

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Die Locken aufgewunden
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Die zarten Glieder bloß,
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Erkühlt sie sich da unten
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Tief in der Felsen Schoß.

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Sie ließ sich an den Zweigen
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Hinab ins kühle Bad,
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Bald will sie rückwärts steigen,
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Doch zeiget sich kein Pfad,

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Sie streckt wohl nach den Zweigen,
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Mit Macht die Arme hin,
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Doch keiner will sich neigen,
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Zur Königstochter hin.

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Wer kann heraus mich heben,
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Weint da die holde Magd,
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Gern wollte ich ihm geben,
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Mein Ringlein von Schmaragd,

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Wie sie die Hände ringet
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Das schöne Ringelein
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Ihr von dem Finger springet,
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Tief in den Quell hinein.

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Sie sucht und findt in Klippen
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Ein Horn von Gold so rein,
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Und setzt es an die Lippen,
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Es schallt zum Wald hinein.

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Die Felsen laut erklingen,
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Und laut von Stein zu Stein
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Die muntern Töne springen,
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Ums Königstöchterlein.

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Die Zweige sich auch neigen
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Der edle Falke wiegt,
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Sich fröhlich auf den Zweigen
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Die er hinunter biegt.

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Dann hört sie Worte schallen,
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Wer bläst auf meinem Horn,
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Das gestern mir gefallen
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Hinab zum Felsenborn.

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Wer hütet mich vor Schande,
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Weint laut das Töchterlein,
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Wer giebt mir die Gewande,
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Wer schützt die Ehre mein,

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Mich liebte einst ein Knabe
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Der Züchten wohl verstand,
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O daß ich ihn nicht habe,
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Er gäb' mir mein Gewand.

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Die Augen zugebunden,
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Der Knabe vor ihr stand
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Der Knabe ist gefunden
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Er reicht ihr das Gewand.

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Verloren ist die Krone,
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Und auch das Fingerlein,
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Ohn' Ringlein und ohn' Krone,
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Muß sie das Kleinod sein.

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Da ruhte der Geselle
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Wohl bald in ihrem Schoß,
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Im Herzen ward's ihm helle
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O mach die Binde los.

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In ihr Gewand geschwinde
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Hüllt sich das holde Kind,
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Dann löst sie ihm die Binde,
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Läßt nicht die Liebe blind.

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Da schallt es in den Buchen
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Da hallt es am Gestein,
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Der König kommt zu suchen,
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Das Königstöchterlein.

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Nun rege deine Hände,
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Spricht da das Töchterlein,
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Wenn uns der König fände
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Müßt' es gestorben sein.

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Der Falke nahm die Krone,
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Der Quell das Fingerlein,
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Der Jäger nimmt zum Lohne
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Das Königstöchterlein.

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Es nahm der Jagdgeselle
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Sein Horn und sein Geschoß
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Und trug die Jungfrau schnelle
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Zum hohen Felsenschloß.

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Auf Felsen hoch ich wohne,
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Der Falke und die Braut
103
Am Turme hängt die Krone
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Sein Nest hineingebaut.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clemens Brentano
(17781842)

* 08.09.1778 in Koblenz-Ehrenbreitstein, † 28.07.1842 in Aschaffenburg

männlich, geb. Brentano

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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