Lureley

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Clemens Brentano: Lureley (1811)

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Zu Bacharach am Rheine,
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Wohnt eine Zauberin,
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Die war so schön und feine
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Und riß viel Herzen hin,

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Und machte viel zuschanden
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Der Männer rings umher,
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Aus ihren Liebesbanden
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War keine Rettung mehr.

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Der Bischof ließ sie laden
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Vor geistliche Gewalt,
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Und mußte sie begnaden,
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So schön war ihr' Gestalt.

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Er sprach zu ihr gerühret,
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»du arme Lore Lay.
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Wer hat dich dann verführet
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Zu böser Zauberei.«

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»herr Bischof laßt mich sterben,
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Ich bin des Lebens müd,
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Weil jeder muß verderben
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Der meine Augen sieht.

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Die Augen sind zwei Flammen,
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Mein Arm ein Zauberstab,
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O schickt mich in die Flammen,
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O brechet mir den Stab.«

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»den Stab kann ich nicht brechen,
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Du schöne Lore Lay,
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Ich müßte dann zerbrechen,
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Mein eigen Herz entzwei.

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Ich kann dich nicht verdammen,
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Bis du mir erst bekennt
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Warum in deinen Flammen
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Mein eignes Herz schon brennt.«

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»herr Bischof mit mir Armen
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Treibt nicht so bösen Spott,
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Und bittet um Erbarmen
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Für mich den lieben Gott,

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Ich darf nicht länger leben,
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Ich lieb' kein Leben mehr,
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Den Tod sollt ihr mir geben,
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Drum kam ich zu euch her.

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Ein Mann hat mich betrogen,
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Hat sich von mir gewandt,
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Ist fort von mir gezogen
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Fort in ein andres Land.

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Die Blicke sanft und wilde,
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Die Wangen rot und weiß,
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Die Worte still und milde,
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Die sind mein Zauberkreis.

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Ich selbst muß drin verderben,
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Das Herz tut mir so weh,
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Vor Jammer möcht' ich sterben,
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Wenn ich zum Spiegel seh'.

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Drum laßt mein Recht mich finden,
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Mich sterben, wie ein Christ,
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Denn alles muß verschwinden
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Weil er mir treulos ist.«

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Drei Ritter ließ er holen:
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»bringt sie ins Kloster hin,
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Geh Lore! Gott befohlen,
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Sei dein berückter Sinn.

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Du sollst ein Nönnchen werden,
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Ein Nönnchen schwarz und weiß.
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Bereite dich auf Erden
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Zum Tod mit Gottes Preis.«

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Zum Kloster sie nun ritten
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Die Ritter alle drei,
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Und traurig in der Mitten
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Die schöne Lore Lay.

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»o Ritter laßt mich gehen,
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Auf diesen Felsen groß,
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Ich will noch einmal sehen,
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Nach meines Buhlen Schloß,

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Ich will noch einmal sehen
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Wohl in den tiefen Rhein,
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Und dann ins Kloster gehen,
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Und Gottes Jungfrau sein.«

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Der Felsen ist so jähe,
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So steil ist seine Wand,
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Sie klimmen in die Höhe,
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Da tritt sie an den Rand,

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Und sprach: »Willkomm, da wehet
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Ein Segel auf dem Rhein,
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Der in dem Schifflein stehet,
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Der soll mein Liebster sein.

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Mein Herz wird mir so munter,
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Er muß der Liebste sein,«
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Da lehnt sie sich hinunter
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Und stürzet in den Rhein.

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Es fuhr mit Kreuz und Fahne
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Das Schifflein an das Land,
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Der Bischof saß im Kahne,
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Sie hat ihn wohl erkannt.

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Daß er das Schwert gelassen,
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Dem Zauber zu entgehn,
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Daß er zum Kreuz tät fassen,
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Das konnt' sie nicht verstehn.

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Wer hat dies Lied gesungen
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Ein Priester auf dem Rhein
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Und immer hat's geklungen,
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Vom hohen Felsenstein

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Lureley
102
Lureley
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Lureley.

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Als wären es meiner drei!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clemens Brentano
(17781842)

* 08.09.1778 in Koblenz-Ehrenbreitstein, † 28.07.1842 in Aschaffenburg

männlich, geb. Brentano

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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