Der Abend

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Clemens Brentano: Der Abend (1800)

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Nach seiner Heimat kühlen Lorbeerhainen
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Schwebt auf der goldnen Schale
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Schon Helios, es glühen rings die Wellen,
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Der Ozean erschwillt in frohen Scheinen,
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Die wie mit Blitzesstrahle
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Die ernste Nacht der fernen Ufer hellen,
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Und über alle Schwellen
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Ergießt der Gott die stillen Feuerwogen
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Zum ew'gen Himmelsbogen,
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Daß von den Bergen durch das dunkle Leben
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Des Tages Flammen widerhallend beben.

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Hoch auf den Bergen wehen seine Flammen,
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Den raschen Mann zu führen,
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Der seiner Reise Ziel noch nicht errungen,
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Er strahlet mit dem Glanze stets zusammen,
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Wenn gleich die Füße gleiten,
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Bleibt von dem Lichte doch sein Haupt umschlungen.
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Nie von der Nacht bezwungen
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Lenkt ruhig nach der Sterne heil'gem Feuer,
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Das ernste Schiff den Steuer
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Und wandelt heimwärts durch die dunkeln Fluten
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Vertrauend auf des Leuchtturms hohe Gluten.

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Vom kühnen Felsen rinnen Lichter nieder,
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Die Täler zu ergründen,
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Und wo des Feuers milde Quelle ziehet,
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Verglimmen bald des Haines wilde Lieder,
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Denn alle Töne schwinden,
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Bis sie des Abends Flammen rein geglühet –
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Und welch ein Lied erblühet –
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Es flicht die Nachtigall die goldnen Schlingen
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Und süß gefangen ringen
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Im Liede Liebesschmerz und Schmerzesliebe,
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Daß Schmerz in Liebe, Lieb' in Schmerz sich übe

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So drang der Töne Frühling aus dem Schweigen,
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So auch in reinen Seelen
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Des Tages wilde Kämpfe bald zerrinnen,
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Wenn Lieb' und Schmerz sich hold zusammen neigen,
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Die Zwietracht zu verhehlen,
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Und rührend doch den ew'gen Streit beginnen.
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Ach keine mag gewinnen! –
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Ein Wundergift fließt beiden von den Pfeilen,
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Zu töten und zu heilen –
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Denn er muß stets an ihrem Pfeil gesunden,
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Und sterbend lebt sie nur in seinen Wunden.

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Doch bald wird nun die Ruhe niederschweben,
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Daß alle Schmerzen fliehen,
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Den heißen Kampf die stillen Schatten kühlen,
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Dann mag der Sehnsucht ungelöstes Leben
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In heil'gen Phantasien,
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In schönen Träumen dichtend sich erwühlen.
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Könnt ihr solch Leben fühlen?
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So will, mit seinem Rausch euch zu erfüllen,
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Mein Bild ich gern enthüllen,
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Mein Bild, wie in des Abends Heiligtumen
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Die Jungfrau redet mit den holden Blumen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clemens Brentano
(17781842)

* 08.09.1778 in Koblenz-Ehrenbreitstein, † 28.07.1842 in Aschaffenburg

männlich, geb. Brentano

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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