[tief ist das Tal]

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Clemens Brentano: [tief ist das Tal] (1799)

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Tief ist das Tal, so tief hinabgesunken,
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So tief ihr Grab! Und in der weiten Welt
3
Schließt sich die Heimat zu, die Sternenfunken
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Sind meiner Wohnung Licht, das Himmelszelt
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Mein kühles Dach. In dunkler Fern' ertrunken
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Ist alle Aussicht, und den Busen schwellt
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Ein ewiges und nie erfüllt' Verlangen
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Die nimmer kehrt, die Holde, zu umfangen.

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Da sitz' ich stumm auf Berges Höh' und blicke
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Mit Wehmut in der Kindheit Paradies,
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Der Hütte Licht, es winkt mir still zurücke,
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Es ruft des Freundes Flöte mir so süß.
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Als wolle sie dem finsteren Geschicke,
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Das mich von Haus und Hof der Schöpfung stieß,
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Den bittern Ernst in sanften Tönen lösen,
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Und süßen Trost mir in den Busen flößen.

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Es bricht der Kampf, im Herzen tief zerronnen
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Ist meiner Jugend innerstes Gebild,
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Aus Kindesliebe war es zart gesponnen,
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In Traulichkeit und Milde eingehüllt.
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Des Lebens jüngster Tag war kaum begonnen,
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Ein dichtes Dunkel schon die Bahn erfüllt
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Und für des Mittags, für des Abends Wonnen
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Ein Strom von Schmerz schon aus dem Morgen quillt.

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Wo, dunkles Leben, führst du mich nun hin,
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Wo lebt ein Wesen, das ich dicht umschlinge,
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Dem ich das Herz, und den verwaisten Sinn
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Zur Pflege und zur Liebe wiederbringe;
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Ihm werde jede Blüte zum Gewinne,
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Die aus dem armen Frühling ich erringe.
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Der stumme Freund, er wird ja nimmer sprechen,
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Das dunkle Leben nie ein Wort durchbrechen.

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Da flüstert's freundlich durch die dunkeln Eichen,
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Es weht wie Trost mir aus dem Tal herauf,
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Ein heilig Wort spricht durch des Waldes Schweigen,
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Es ziehet schnell der Wolken wilder Lauf,
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Vor meinem Sinn die schwarzen Schatten weichen,
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Und Mondeslicht, und Sterne blühen auf.
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Des stummen Freundes inniges Umfassen
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Spricht laut zu mir: ich will dich nie verlassen.

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So hell und still von zartem Licht umgossen,
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Ist mir zu Füßen wie ein Bildersaal
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Mein vorig Leben rührend aufgeschlossen,
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Erinnerung spielt in der schönen Wahl.
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Ich sehe früh die Blüten all entsprossen,
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Und früh herab gewehet in das Tal,
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Da weine ich nun an dem eignen Grabe,
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Betraure tief, was ich verloren habe.

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Und kann noch einst das Leben mir erblühen,
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Wie mir der Frühling hier im Mondschein blüht
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Kann mir im Leben wieder Leben glühen,
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Kann Ruhe mir das krankende Gemüt
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Mit heiterm Sinn und Freudigkeit umziehen,
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So kehre ich und singe hier ein Lied
55
So werde hier an dieser ernsten Schwelle
56
Die Aussicht in den frühen Tod mir helle.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clemens Brentano
(17781842)

* 08.09.1778 in Koblenz-Ehrenbreitstein, † 28.07.1842 in Aschaffenburg

männlich, geb. Brentano

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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