Szene aus meinen Kinderjahren

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Clemens Brentano: Szene aus meinen Kinderjahren (1799)

1
Oft war mir schon als Knaben alles Leben
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Ein trübes träges Einerlei. Die Bilder,
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Die auf dem Saal und in den Stuben hiengen,
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Kannt' ich genau; ja selbst der Büchersaal,
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Mit Sandrart, Merian, den Bilderbüchern,
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Die ich kaum heben konnte, war verachtet,
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Ich hatte sie zum Ekel ausbetrachtet.
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So, daß ich mich hin auf die Erde legte,
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Und in des Himmels tausendförm'gen Wolken,
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Die luftig, Farben wechselnd oben schwammen,
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Den Wechsel eines flücht'gen Lebens suchte.
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Kein lieber Spielwerk hatt' ich, als ein Glas,
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In dem mir alles umgekehrt erschien.
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Ich saß oft stundenlang vor ihm, mich freuend,
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Wie ich die Wolkenschäfchen an die Erde,
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Und meines Vaters Haus, den ernsten Lehrer
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Und all mein Übel an den Himmel bannte.
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Recht sorgsam wich ich aus, in jenen Höhen
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Den kleinen Zaubrer selbst verkehrt zu sehen.

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Ich wollte damals alles umgestalten,
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Und wußte nicht, daß Änderung unmöglich,
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Wenn wir das Äußre, nicht das Innre wenden,
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Weil alles Leben in der Waage schwebet,
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Daß ewig das Verhältnis wiederkehret,
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Und jeder, der zerstört, sich selbst zerstöret.

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Dann lernt' ich unsern Garten lieben, freute
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Der Blüten mich, der Frucht, des goldnen Laubes
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Und ehrte gern des Winters Silberlocken.
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An einem Abend stand ich in der Laube,
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Von der die Aussicht sich ins Tal ergießt,
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Und sah, wie Tag und Nacht so mutig kämpften.

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Die Wolken drängten sich wie wilde Heere,
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Gestalt und Stellung wechselnd in dem Streite,
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Der Sonne Strahlen schienen blut'ge Speere;
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Es rollte leiser Donner in der Weite,
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Und unentschieden schwankt des Kampfes Ehre
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Von Tag zu Nacht, neigt sich zu jeder Seite;
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Dann sinkt die Glut, es brechen sich die Glieder,
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Es drückt die Nacht den schwarzen Schild hernieder.

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Da fühlte ich in mir ein tiefes Sehnen
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Nach jenem Wechsel der Natur, es glühte
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Das Blut mir in den Adern, und ich wünschte
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In einem Tage so den Frühling, Sommer,
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Herbst, Winter, in mir selbst, und spann
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So weite, weite Pläne aus, und drängte
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Sie enge, enger nur in mir zusammen.

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Der Tag war hinter Berge still versunken,
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Ich wünschte jenseits auch mit ihm zu sein,
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Weil er mir diesseits mit dem kalten Lehrer,
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Und seinen Lehren, stets so leer erschien.
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Der Ekel und die Mühe drückte mich,
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Ich blickte rückwärts, sah ein schweres Leben,
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Und dachte mir das Nichtsein gar viel leichter.
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Dann wünscht' ich mich mit allem, was ich Freude
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Und wünschenswertes Glück genannt, zusammen
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Vergehend in des Abendrotes Flammen.

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Der Gärtner gieng nun still an mir vorüber
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Und grüßte mich, ein friedlich Liedchen sang er,
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Von Ruhe nach der Arbeit, und dem Weibe,
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Das freundlich ihn mit Speis und Trank erwarte.

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Die Vöglein sangen in den dunkeln Zweigen,
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Mit schwachen Stimmen ihren Abendsegen,
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Und es begann sich in den hellen Teichen
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Ein friedlich monotones Lied zu regen.
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Die Hühner sah ich still zur Ruhe steigen,
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Sich einzeln folgend auf bescheidnen Stegen.
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Und leise wehte durch die ruh'ge Weite,
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Der Abendglocke betendes Geläute.

69
Da sehnt' ich mich nach Ruhe nach der Arbeit,
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Und träumte mancherlei von Einfachheit,
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Von sehr bescheidnen bürgerlichen Wünschen.
72
Ich wußte nicht, daß es das Ganze war,
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Das mich mit solchem tiefen Reiz ergriff.

74
Des Abends Glut zerfloß in weite Röte,
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So löst der Mühe Glut auf unsern Wangen
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Der Schlaf in heilig sanfte Röte auf.
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Kein lauter Seufzer hallte schmerzlich wider,
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Es ließ ein Leben ohne Kunst sich nieder,
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Die hingegebne Welt löst' sich in Küssen,
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Und alle Sinne starben in Genüssen.

81
Da flocht ich trunken meine Ideale,
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Durch Wolkendunkel webt' ich Mondesglanz.
83
Der Abendstern erleuchtet, die ich male,
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Es schlingt sich um ihr Haupt der Sternenkranz,
85
Die Göttin schwebt im hohen Himmelssaale
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Und sinkt und steigt in goldner Strahlen Tanz.
87
Bald faßt mein Aug' nicht mehr die hellen Gluten,
88
Das Bild zerrinnt in blaue Himmelsfluten.

89
Und nie konnt' ich die Phantasie bezwingen,
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Die immer mich mit neuem Spiel umflocht;
91
So glaubte ich auf einem kleinen Kahne
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In süßer Stummheit durch das Abendmeer
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Mit fremden schönen Bildern hinzusegeln.
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Und dunkler, immer dunkler ward das Meer,
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Den Kahn und mich, und ach, das fremde Bild,
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Dem du so ähnlich bist, zog's still hinab.

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Ich ruht' in mich ganz aufgelöst im Busche,
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Die Schatten spannen Schleier um mein Aug',
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Der Mond trat durch die Nacht, und Geister wallten
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Rund um mich her, ich wiegte in der Dämmrung
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Der Büsche dunkle Ahndungen, und flocht
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Aus schwankender Gesträuche Schatten Lauben
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Für jene Fremde, die das Meer verschlang.
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Und neben mir, in toter Ungestalt,
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Lag schwarz wie Grab mein Schatten hingeballt.

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Es riß mich fort, als zögen mich Gespenster
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Zum Teiche hin, und meine Augen starrten
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Aufs weiße Bild, es schien mich zu erwarten,
109
Daß ich mit heißem Arme es umschlinge,
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Und Leben durch den kalten Busen dringe.

111
Da ward es plötzlich dunkel, und der Mond
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Verhüllte sich mit dichten schwarzen Wolken.
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Das Bild mit seinem Glanze war verschwunden
114
In finstrer Nacht. In Büsche eingewunden,
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Konnt' ich mit Mühe von der Stelle schreiten.
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Ich tappe fort, und meine Füße gleiten,
117
Ich stürze in den Teich. Ein Freund von mir,
118
Der mich im Garten suchte, hört den Fall,
119
Und rettet mich. Bis zu dem andern Morgen
120
War undurchdringlich tiefe Nacht um mich,
121
Doch bleibt in meinem Leben eine Stelle,
122
Ich weiß nicht wo, voll tiefer Seligkeit,
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Befriedigung und ruhigen Genüssen,
124
Die alle Wünsche, alle Sehnsucht löste.

125
Als ich am Turm zu deinen Füßen saß,
126
Erschufst du jenen Traum zum ganzen Leben,
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In dem von allen Schmerzen ich genas.
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O teile froh mit mir, was du gegeben,
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Denn was ich dort in deinem Auge las,
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Wird sich allein hoch über alles heben.
131
Und kannst du mir auf jenen Höhen trauen,
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So werd' ich bald das Tiefste überschauen.

133
Ich glaube, daß es mir in jener Nacht,
134
Von der ich nichts mehr weiß, so wohl erging,
135
Als ich erwachte, warf sich mir die Welt
136
Eiskalt und unbeweglich hart ums Herz.
137
Es war der tötende Moment im Leben,
138
Du, Tilie, konntst allein den Zauber heben.

139
Mein Vater saß an meinem Bette, lesend
140
Bemerkte er nicht gleich, daß ich erwachte.
141
Es stieg und sank mein Blick auf seinen Zügen
142
Mit solchem Forschen, solcher Neugierd', daß
143
Mir selbst vor meiner innern Unruh bangte.
144
Dann neigte er sich freundlich zu mir hin
145
Und sprach mit tiefer Rührung: Karl, wie ist dir?
146
Ich hatte ihn noch nie so sprechen hören,
147
Und rief mit lauten Tränen aus – O Vater!
148
Mir ist so wohl, doch, ach! die Marmorfrau –
149
Wer ist sie? – Wessen Bild? – Wer tat ihr weh?
150
Daß sie so tiefbetrübt aufs holde Kind,
151
Und in den stillen See herniederweint?

152
Mein Vater hob die Augen gegen Himmel,
153
Und ließ sie starr zur Erde niedersinken,
154
Sprach keine Silbe und verließ die Stube.
155
In diesem Augenblicke fiel mein Los.
156
Ein ew'ger Streit von Wehmut und von Kühnheit,
157
Der oft zu einer innern Wut sich hob,
158
Ein innerliches, wunderbares Treiben
159
Ließ mich an keiner Stelle lange bleiben.

160
Es war mir alles Schranke, nur wenn ich
161
An jenem weißen Bilde in dem Garten saß,
162
War mir's, als ob es alles, was mir fehlte,
163
In sich umfaßte, und vor jeder Handlung,
164
Ja fast, eh' ich etwas zu denken wagte,
165
Fragt' ich des Bildes Widerschein im Teiche.
166
Entgegen stieg mir hier der blaue Himmel,
167
Und folgte still wie die bescheidne Ferne,
168
Der weißen Marmorfrau, die auf dem Spiegel
169
Des Teiches schwamm. So wie der Wind die Fläche
170
In Kreisen rührte, wechselte des stillen
171
Und heil'gen Bildes Wille, und

172
Sprich aus der Ferne
173
Heimliche Welt,
174
Die sich so gerne
175
Zu mir gesellt.

176
Wenn das Abendrot niedergesunken,
177
Keine freudige Farbe mehr spricht,
178
Und die Kränze stilleuchtender Funken
179
Die Nacht um die schattigte Stirne flicht:

180
Wehet der Sterne
181
Heiliger Sinn
182
Leis durch die Ferne
183
Bis zu mir hin.

184
Wenn des Mondes still lindernde Tränen
185
Lösen der Nächte verborgenes Weh;
186
Dann wehet Friede. In goldenen Kähnen
187
Schiffen die Geister im himmlischen See.

188
Glänzender Lieder
189
Klingender Lauf
190
Ringelt sich nieder,
191
Wallet hinauf.

192
Wenn der Mitternacht heiliges Grauen
193
Bang durch die dunklen Wälder hinschleicht,
194
Und die Büsche gar wundersam schauen,
195
Alles sich finster tiefsinnig bezeugt:

196
Wandelt im Dunkeln
197
Freundliches Spiel,
198
Still Lichter funkeln
199
Schimmerndes Ziel.

200
Alles ist freundlich wohlwollend verbunden,
201
Bietet sich tröstend und traurend die Hand,
202
Sind durch die Nächte die Lichter gewunden,
203
Alles ist ewig im Innern verwandt.

204
Sprich aus der Ferne
205
Heimliche Welt,
206
Die sich so gerne
207
Zu mir gesellt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clemens Brentano
(17781842)

* 08.09.1778 in Koblenz-Ehrenbreitstein, † 28.07.1842 in Aschaffenburg

männlich, geb. Brentano

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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