Gründlichkeit

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Franz Grillparzer: Gründlichkeit (1856)

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Wie viel, im Reich des Geistes gar,
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Hängt ab von Ort und Zeit,
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Was falsch einst, gilt uns heut für wahr,
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Für dumm, was sonst gescheit.

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Und mancher, den die eigne Zeit
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Verspottet und verlacht,
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Lebt' er in unsern Tagen, heut,
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Sein Glück wär längst gemacht.

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So jener Mathematikus
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Im heiteren Paris,
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Setzt ins Theater nie den Fuß,
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Da Zahlen nur gewiß.

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Doch einst die Freunde brachten ihn
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Ins Schauspielhaus mit Glück,
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Man gab ein Schauspiel von Racine,
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Des Meisters Meisterstück.

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Da wird denn rings Begeistrung laut,
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Man weint, man klatscht, man tobt,
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Was man gehört, was man geschaut,
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Wird eines Munds gelobt.

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Nur unser Mathematikus
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Sah stieren Augs das Spiel,
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Bis ihn der Freunde Schar am Schluß
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Befragt: wies ihm gefiel,

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Ob ihn ergriff der Dichtung Macht,
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Des Unglücks Jammerruf?
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Doch er erwidert mit Bedacht:
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»mais qu'est ce que cela prouve?«

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Da tönt Gelächter rings umher,
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Das Wort durchläuft die Stadt
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Und ein Jahrhundert oder mehr
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Lacht sich die Welt nicht satt.

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O armer Mann, du kamst zu früh
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Und nicht am rechten Ort;
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In unsers Deutschlands Angst und Müh
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Erkennt man erst dein Wort,

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Wo man Ideen nur begehrt,
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Von Glut und Reiz entfernt,
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Man, bis zum Halse schon gelehrt,
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Noch im Theater lernt –

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Dort ruft ein jeder Kritikus,
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Was auch der Dichter schuf,
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Wie jener Mathematikus:
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»mais qu'est ce que cela prouve?«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Franz Grillparzer
(17911872)

* 15.01.1791 in Wien, † 21.01.1872 in Wien

männlich, geb. Grillparzer

österreichischer Dramatiker

(Aus: Wikidata.org)

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