Jung war ich aus der Heimat fortgezogen

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Franz Grillparzer: Jung war ich aus der Heimat fortgezogen Titel entspricht 1. Vers(1849)

1
Jung war ich aus der Heimat fortgezogen,
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Es lockte mich ein Bild, das, hell und reich,
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Auf ferner Berge himmelnahen Bogen
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Halb Sternbild glänzte und halb Menschen-gleich.

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Entgegen schien es winkend selbst zu kommen,
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Erreichbar schiens dem Kühnen, der mit Mut
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Den Gipfel erst des Berges nur erklommen,
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Und also zog ich fort in Gottes Hut.

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Doch auf dem Gipfel angelangt der Höhen,
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Zerfloß das Bild wie leichter Heiderauch,
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In gleicher Ferne sah ichs wieder stehen,
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Auf Bergen thronend, so wie früher auch.

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War Täuschung nun die erstgeglaubte Nähe,
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So war doch Wahrheit Mut und Lust und Kraft,
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Auch schien ja wirklich, was ich deutlich sehe,
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Und also hatt ich neu mich aufgerafft.

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Doch wie ich eifrig klomm und wie ich strebte,
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Es blieb der Abstand immerdar sich gleich,
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Dasselbe Bild, das körperlos entschwebte,
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In Fernen glänzend, in der Nähe bleich.

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Da ward ich müd wie alle Staubgebornen,
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Auch war der Weg von Steinen rauh und scharf,
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Bis auf das Leben ritzten spitze Dornen
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Und alles fehlte, was der Mensch bedarf.

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Zugleich im Gegensatz des luftgen Bildes
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Kam mir ein andres vor den wachen Sinn:
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Erinnerung des heimischen Gefildes,
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In dem ich ward, was ich doch endlich bin;

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Wo mir des Vaters Grab zurückgeblieben,
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Wo die Genossen froh im nahen Glück,
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Der Atem weht von schwerverlaßnen Lieben;
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Und also kehrt ich wegerschöpft zurück.

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Nur ruhen wollt ich und dann neu beginnen.
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Doch sah ich kaum den heimatlichen Herd,
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Da ward als Frucht ich der Versäumung innen,
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Wie alles dort verfallen und verkehrt.

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Die Fenster blind, verquollen Tür und Schwelle,
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Sie öffnete dem Freundestritt sich nicht,
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Von dem Geräte nichts an seiner Stelle,
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Das Dach gab statt der Fenster Luft und Licht.

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Im kleinen Gärtchen, längst entwohnt der Pflege,
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Wuchs Unkraut, wo Gewächse sonst in Reihn,
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Mit wucherndem Gestrüpp bedeckt die Wege,
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Und nur im wilden Anflug schien Gedeihn.

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Da fiels mich an: die nötigste der Taten
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Sei doch, daß erst die Heimat wohl bestellt,
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Und also nahm ich Haue, Karst und Spaten
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Und reutete zuerst mein eignes Feld.

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Befriedigung, die ich nach außen träumte,
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Kam nun von innen selber in mein Dach;
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Das Leben rächt ja stets, was es versäumte:
52
Ich hole meine Jugendjahre nach.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Franz Grillparzer
(17911872)

* 15.01.1791 in Wien, † 21.01.1872 in Wien

männlich, geb. Grillparzer

österreichischer Dramatiker

(Aus: Wikidata.org)

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