Vorzeichen

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Franz Grillparzer: Vorzeichen (1831)

1
Wenn sich der Untergang auf Staat und Haus gerüstet,
2
So schickt er seinen Herold erst voran,
3
Dems nach der Umkehr des Gewordnen lüstet,
4
Den Wahnsinn, der den Sinn verkehrt in Wahn.

5
Der schlägt den Mörtel ab und löst die Fugen,
6
Damit des Meisters Arbeit leicht und kurz,
7
Die Stützen wanken, die den Giebel trugen,
8
Und weithin donnere der jähe Sturz.

9
Da ist ein zwecklos Rennen, töricht Schaffen,
10
Ein Fliehen und ein Suchen auch der Not,
11
Man zahlt mit Gold und schärft die schneidgen Waffen,
12
Die färben soll des Eigners eigner Tod.

13
Wie Roboam, als, die beim Volk in Ehren,
14
Den Steuerdruck ihm klagten als verhaßt,
15
Ausrief, den Zoll ums Doppelte zu mehren,
16
Sein Finger wiege gleich der sonstgen Last.

17
Als vor Byzanz die Moslim schon zu schauen,
18
Und Einigkeit zu retten nur vermag,
19
Da stritten sich die Grünen und die Blauen;
20
Die Schwarzen ohnehin bis diesen Tag.

21
Wenn nun ein Letztes hinweist auf die Frühern,
22
Ist auch ein Frühres nur, weil eins zuletzt,
23
Und hörst du erst des Wahnsinns Lache wiehern,
24
Klingts mit des Unheils Weinen schon versetzt.

25
Ich weiß ein Land, das lag so unbeweglich,
26
Es regte kaum die Glieder wie ein Wurm,
27
In Ringen schob sichs nach der Nahrung täglich,
28
Die Zeit war nur im Glockenschlag vom Turm;

29
Die nächste Nähe lag auf hundert Meilen,
30
Die Dämmerung gab noch zu helles Licht,
31
Das Höchste schien des Niedern Schmach zu teilen,
32
Und Ruhe war nicht bloß der Bürger Pflicht.

33
Da bäumt sichs plötzlich auf wie böse Fieber,
34
Ein schaurig Wehen geht durchs ganze Land,
35
In Wellen steigts und stürzt sich brandend über,
36
Gelöst ist des Gewohnten altes Band.

37
Das matte Aug strengt an die blöden Sterne
38
Und sucht des Übels Keim, der gar zu nah,
39
Mit leerem Grübeln in der weiten Ferne,
40
Erforscht, was wird und nicht, was längst geschah.

41
Die bösen Fugen, die die Zeit gelichtet
42
Und die die Trägheit kaum noch hielt in Haft,
43
– Laßt sehen, ob ein Anstoß sie verdichtet,
44
Der Widerstand verdoppelt ja die Kraft!

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Stört sie im Schlaf der Feile dumpfes Nagen,
46
– Teilt andern mit des eignen Volkes Druck!
47
Die Kette, weiß man, wenn sie alle tragen,
48
Ist sie nicht Kette mehr, sie wird zum Schmuck.

49
Es mangelt Geld – geht bei dem Wucher borgen;
50
Ist Haben doch und Sollen beides Geld,
51
Verzehrt im Heute alle künftgen Morgen,
52
Denn morgen ist das Ende ja der Welt.

53
Klagt euch das Denken seiner Freiheit Schranken,
54
– Ruft einen Büttel, der noch engre gibt!
55
Der Krone Vorrecht seien die Gedanken,
56
Ein Vorrecht, das man etwa sparsam übt.

57
Doch halt! sie denken. Die in bessern Zeiten
58
Von Schlauheit nur und Selbstsucht ein Gemisch,
59
Sie fangen an, im Schulgezänk zu streiten,
60
Und zum Katheder wird der Aktentisch.

61
Vom Weltplan, von des Urvolks erstem Wandern,
62
Von Gott, der sie
63
In Häuser, die das Eigentum von andern,
64
Die andrer Väter Söhne auch zuletzt.

65
Ist das der Wahn nicht, der betört die Sinne,
66
Und ist der Wahnsinn nicht der Untergang,
67
Wenn er befällt die Wächter auf der Zinne,
68
Die schützen sollen vor des Unheils Drang?

69
Das Unheil aber naht, so muß ich meinen,
70
Der Einsturz folgt, wenn erst kein Widerstand,
71
Die Tollheit hör ich lachen, ich muß weinen,
72
Denn ach, es gilt mein eignes Vaterland.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Franz Grillparzer
(17911872)

* 15.01.1791 in Wien, † 21.01.1872 in Wien

männlich, geb. Grillparzer

österreichischer Dramatiker

(Aus: Wikidata.org)

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