Dies ist die Bank, dies sind dieselben Bäume

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Franz Grillparzer: Dies ist die Bank, dies sind dieselben Bäume Titel entspricht 1. Vers(1831)

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Dies ist die Bank, dies sind dieselben Bäume,
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Wo einst, das dunkle Schulbuch in der Hand,
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Der Prüfung bang, den Kopf voll Frühlingsträume,
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Vor manchem Jahr sich oft der Knabe fand.

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Wie er da saß, glitt von den finstern Lettern,
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Zu manchem fremden Worte schwer gefügt,
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Der Blick hinauf zu jenen frischen Blättern,
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In denen sich der Westwind spielend wiegt.

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Und künftiger Gestalten Geisterreigen
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Und künftigen Vollbringens Schöpferlust
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Erschienen ihm in jener Wipfel Neigen,
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Erklangen ihm in ahnungsvoller Brust.

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Es ward erfüllt das kaum gewagte Hoffen,
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Die Ahnung hielt, was sie vorhergesagt,
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Des Wirkens goldne Tore stehen offen,
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Ein Schritt gelang, ein zweiter ward gewagt.

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Und nun nach manchen Jahres Zwischenräumen,
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Zum Mann gereift, gewogen und erkannt,
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Find ich mich wieder unter diesen Bäumen,
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Den Blick, wie damals, über mir gewandt,

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Und Seufzer, so wie damals, schwellend heben
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Die müde Brust, von mancher Sorge schwer,
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Bis auf die Träne, die nicht mehr gegeben,
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Ist alles so wie damals, ringsumher.

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Ungnügsam Herz, warum bist du beklommen?
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Was du so heiß ersehnet, stehet da!
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Die Stunde der Erfüllung ist gekommen,
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Du

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Wie? oder war der bunten Bilder Fülle
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Der Inhalt nicht von dem, was du begehrt,
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War nur der tiefern Sehnsucht äußre Hülle,
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Das Kleid nur dessen, was dir wünschenswert?

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Hast Schönes du vielleicht gestrebt zu bilden,
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Um schöner dich zu fühlen selber mit?
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War Schreiten in des Wissens Lichtgefilden
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Im Land des Wollens dir zugleich ein Schritt?

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Hast du vielleicht nach Ehr und Ruhm getrachtet,
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Vermengend in Gedanken, jugendlich,
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Das Aug, mit dem die Welt den Mann betrachtet,
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Und das, womit er selbst betrachtet sich?

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Schien dir die Welt mit ihren weiten Fernen
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Ein Urbild, wert des Nachgebilds zu sein?
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Hast, wo sie schimmert, du geträumt von Sternen?
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Von Wirklichkeit bei jedem holden Schein?

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O Trügerin von Anfang, du, o Leben!
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Ein reiner Jüngling trat ich ein bei dir,
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Rein war mein Herz und rein war all mein Streben,
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Du aber zahltest Trug und Täuschung mir dafür.

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Die Freundschaft sprach, mein Innres tönte wieder,
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Wir stießen, zwei, kühn schwimmend ab vom Strand.
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Er sank, ich hielt ihn noch, er zog mich nieder
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Und rettete ermattet sich ans Land.

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Gewaltger regten sich geheimre Triebe,
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Ein unbekanntes Sehnen wurde wach,
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Sie nannten es, ich selber nannt es Liebe,
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Und einer Holden ging mein Streben nach.

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Kaum nur gesehn, kein Wort von ihr vernommen,
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Schien sie entstammt aus höherm Lichtgefild,
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Durch Berg und Tal, vom innern Brand entglommen,
60
Verfolgt ich, das mich floh, ihr holdes Bild.

61
Da kam der Tag, der Schleier war zerrissen,
62
Gemeinheit stand, wo erst ein Engel flog.
63
Sich selber träumte Sehnsucht, gleich Narzissen,
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Und starb, wie er, am Quell, der sie betrog.

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Ein Vorhang deckt, die darauf folgt, die Stelle;
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Ich lüft ihn nicht, Erwähnung schon genügt,
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Zwei Sphingen ruhn an der verborgnen Schwelle,
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Das Götterhaupt dem Tierleib angefügt.

69
Der Eintritt scheint zu Hoffnungen berechtigt,
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Das Ende wär als Anfang gut genug,
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Doch eh der Geist der Folge sich bemächtigt,
72
Ist auch vorüber schon der grobe Trug.

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Da fand ich sie, die nimmer mir entschwinden,
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Sich mir ersetzen wird im Leben nie,
75
Ich glaubte meine Seligkeit zu finden,
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Und mein geheimstes Wesen rief: nur sie!

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Gefühl, das sich in Herzenswärme sonnte,
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Verstand, wenngleich von Güte überragt;
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Ans Märchen grenzt, was sie für andre konnte,
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An Heilgenschein, was sie sich selbst versagt.

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Der Zweifel, der mir schwarz oft nachgestrebet:
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Ob Güte
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Der Mensch ist gut, ich weiß es, denn sie lebet,
84
Ihr Herz ist Bürge mir für eine Welt.

85
In Glutumfassen stürzten wir zusammen,
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Ein jeder Schlag gab Funken und gab Licht;
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Doch unzerstörbar fanden uns die Flammen,
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Wir glühten, aber ach, wir schmolzen nicht.

89
Denn
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Ich war ein Ganzes und auch sie war ganz,
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Sie wollte gern ihr tiefstes Wesen lassen,
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Doch allzufest geschlungen war der Kranz.

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So standen beide, suchten sich zu einen,
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Das andre aufzunehmen ganz in sich,
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Doch all umsonst, trotz Ringen, Stürmen, Weinen,
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Sie blieb ein Weib, und ich war immer ich.

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Ja, bis zum Grimme ward erhöht das Mühen,
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Gesucht im Einzeln, was im Ganzen lag,
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Kein Fehler ward, kein Wort ward mehr verziehen,
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Und neues Quälen brachte jeder Tag.

101
Da ward ich hart. Im ewgen Spiel der Winde,
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Im Wettersturm, von Sonne nie durchblickt,
103
Umzog das stärkre Bäumchen sich mit Rinde,
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Das schwächre neigte sich und war zerknickt.

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O seliges Gefühl der ersten Tage,
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Warum mußt du ein Traum gewesen sein?
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Lebt denn das Schöne nur in Bild und Sage,
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Und schlürfts die Wirklichkeit wie Nebel ein?

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Auch dort nicht heimatlos in Bild und Worte,
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Floh ich, dem meerbedrängten Schiffer gleich,
111
Sooft den Stürmen aufgetan die Pforte,
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In jenes Hafens schützenden Bereich.

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Gelagert in dem Dufte fremder Kräuter,
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Umspielt von fremder Wipfel leisem Wehn,
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Sah ich im Traum die hohe Himmelsleiter,
116
An der die Geister ab- und aufwärts gehn.

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Und angeregt, sie selber zu besteigen,
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Umherzuschauen in dem weiten Raum,
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Versucht ich, rückgekehrt, es anzuzeigen,
120
Was ich gesehn, halb Wahrheit und halb Traum.

121
»den Armen, dem sich ab ein Gott gewendet,
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Des Dichters blendend, trauriges Geschick,
123
Wie das Gemüt im eignen Abgrund endet,
124
Der Erdengröße schnellverwelktes Glück.«

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Und flammend gab ich das Geschaute wieder,
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Der Hörer, ob auch kalt, entging mir nicht,
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Denn Lebenspulsschlag zog durch meine Lieder,
128
Und wahr, wie mein Gefühl, war mein Gedicht.

129
Vorahnend durft ich zu den Großen sagen,
130
Die längst umwallt der Ruhm wie Opferrauch:
131
So hoch als euch mag mich kein Flügel tragen,
132
Doch, Meister, schaut! ein Maler bin ich auch.

133
Da kam die Nüchternheit in ihrer Blöße,
134
Die groß sich dünkt, weil hohl sie zwar, doch weit;
135
Nach Ellen maß sie meiner Menschen Größe,
136
Nach Pfund und Lot der Stoffe Hältigkeit.

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Doch kann die Formel Leben je bereiten?
138
Was ungeheuer, ist darum nicht groß.
139
Ein Mögliches ragt über alle Weiten,
140
Das Wirkliche zeigt sich im Raume bloß.

141
Wo tausend Tinten meine Blicke spürten,
142
Da sah der Stumpfsinn schroffes Grün und Blau,
143
Wo Rätsel mich zu neuen Rätseln führten,
144
Da wußten sie die Lösung ganz genau.

145
War eine Wiese, wo ich Blumen pflückte,
146
Die Rinderzucht drauf hingetrieben frisch!
147
Wo nur ihr Fußtritt in den Boden drückte,
148
Lag Schlamm und Gras in ekligem Gemisch.

149
Was nicht zu sagen, davon ging die Rede,
150
Was auszusprechen nicht, das sprach ihr Wort;
151
Verschmähst du ihre Waffen auch zur Fehde,
152
Schon Unsinn ists, zu wählen ihren Ort.

153
Gestalten, die mein Geist in Glut umfangen,
154
Die Roheit legte dran die schmutzge Hand,
155
Ich sah die Spur auf den entweihten Wangen,
156
Und mein Gemüt, es fühlte sich entwandt.

157
Und wie der Mensch den Ort, den schönsten, werten,
158
Nicht mehr betritt, wenn Gräulichs ihn betrat,
159
So floh mein Geist aus meiner Jugend Gärten,
160
Empört von seines Heiligsten Verrat.

161
Hart hinterher der Mißgunst lange Zeile,
162
Der Neid, der Haß, bewaffnet anzusehn,
163
Mit dopplem Eindruck trafen ihre Pfeile,
164
Denn, ach, wer singt, kann nicht im Harnisch gehn;

165
Und stellt er ihnen sich, die nach ihm zielen,
166
Ergreift des Streites zorniges Gerät,
167
Der schwere Panzer drücket harte Schwielen,
168
Drob des Empfindens weicher Sinn entgeht.

169
So floh ich aus des Kampfes Glutbeschwerde
170
Hin zur Natur, wo Leben neu sich schafft,
171
Den Busen drückt ich an die Mutter Erde,
172
Um, wie Antäus, zu erstehn in Kraft.

173
Doch sie, die oft geführt schon meine Sache,
174
Getröstet mich so oft und gern zuvor,
175
Verloren hatte sie für mich die Sprache,
176
Die Sprache, oder ich für sie das Ohr.

177
Gelehrig sonst an ihrer frommen Seite,
178
Schien jetzt nur trotzig Schaffen mir Gewinn,
179
Ihr Wort verklang in meines Busens Weite,
180
Ihr Wink verschwand vor meinem stumpfen Sinn.

181
Und schaudernd vor der Welt und ihrem Treiben,
182
Ein jedes Band verschmähend, das sie flicht,
183
Mocht ichs nicht leben, konnt ichs nicht beschreiben,
184
Und selbst den Anblick fast ertragen nicht.

185
Ja, horchend auf des Innern leise Zungen,
186
Erschaudert mein Gemüt, wenn es ihm däucht,
187
Es kling ein Ton, den Tönen nachgeklungen,
188
Mit denen das Gemeine mich verscheucht.

189
Und also sitz ich an derselben Stätte,
190
Wo schon der Knabe träumte, saß und sann.
191
Wenn erst ich das Verlorne wieder hätte,
192
Wie gäb ich gern, was ich seitdem gewann.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Franz Grillparzer
(17911872)

* 15.01.1791 in Wien, † 21.01.1872 in Wien

männlich, geb. Grillparzer

österreichischer Dramatiker

(Aus: Wikidata.org)

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