Klosterszene

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Franz Grillparzer: Klosterszene (1831)

1
Ein Mönch in kleiner Zelle,
2
Mit sorglichem Gesicht,
3
Halb in der Sonnenhelle,
4
Halb in des Kreuzgangs Licht!

5
Es zeigt von frommen Bitten
6
Manch heilig Konterfei;
7
Von strengen, mäßgen Sitten
8
Der Korb Gemüs dabei;

9
Daß innig noch sein Fühlen,
10
Der Blumentopf zur Hand; –
11
Des Wissens Durst zu kühlen
12
Dient wohl der mächtge Band.

13
Doch dort mit ernstern Mienen
14
Strahlt herberes Gerät;
15
Das sind des Panzers Schienen,
16
In dem der Krieger geht.

17
Dort auch des Rosses Zäume,
18
Des Sattels leere Wucht,
19
Auf dem durch blutge Räume
20
Der Tod sein Opfer sucht.

21
Und brütend sieht er reiten
22
Die Krieger dort im Tal,
23
Als dächt er frührer Zeiten,
24
Wo selbst in ihrer Zahl.

25
So mochte jener Kaiser,
26
Der fünfte Karl genannt,
27
Als büßender Kartäuser
28
Hinblicken auch ins Land;

29
So ward sein Auge trüber,
30
Die Hand fuhr nach der Brust,
31
Ging seinem Geist vorüber,
32
Was nun ihm erst bewußt:

33
Wie schöner als kein zweiter
34
Von Gott er hingestellt,
35
Eh er das: »Immer weiter!«
36
Zum Wahlspruch sich erwählt;

37
Wie Ländergier und Ehre
38
In seiner Brust im Streit,
39
Halb Zögling der Tibere,
40
Halb Ritter alter Zeit;

41
Bis jener Fürst der Franken,
42
Mit Glück von ihm bekriegt,
43
Ihn in der Meinung Schranken,
44
Der Mann den Mann besiegt,

45
Und er, gestört sein Zielen
46
Nach Ruhm aus sich allein,
47
Als Höchster nur ob vielen
48
Noch Erster konnte sein.

49
Wie nun die schwere Rechte,
50
Das trockene Gemüt
51
Dem menschlichen Geschlechte
52
Die dürre Regel zieht;

53
Und was sich drüber hebet,
54
Drückt nieder seine Hand,
55
Was eigne Bahnen strebet,
56
Taucht er in Blut und Brand.

57
Ja, des Gedankens Reiche,
58
Den vielgestaltgen Geist,
59
Engt er zu öder Gleiche
60
In Form, die er ihm weist.

61
Und so, ein Freiheitsbüttel,
62
Umstellt er jeden Fleck;
63
Das Größte wird ihm Mittel,
64
Ihm, dem das Kleinste Zweck;

65
Bis nun die junge Fichte,
66
Mit Macht zum Grund gebückt,
67
Emporschnellt und zu nichte
68
Das Band macht, das sie drückt! –

69
Der meist ihm nachgetreten,
70
Zuerst zur Freiheit ruft,
71
Daß die gesprengten Ketten
72
Hinklirren in die Luft. –

73
Wie nun die Welt ihn widert,
74
Weil nicht mehr sein Gepräg,
75
Er launisch sich erniedert,
76
Weil aufwärts mehr kein Weg;

77
Und so im Möncheskleide,
78
Am Klosterbettelstab,
79
Er mindstens schmeckt die Freude,
80
Daß er sich selbst ihn gab; –

81
Ja, auch noch mag genießen
82
Des Kitzels linden Stich:
83
Sich rückersehnt zu wissen,
84
Weil Schlimm dem Schlimmern wich!

85
So gräbt und kniet der Alte,
86
Denkt wenig an die Welt,
87
Bis etwa durch die Spalte
88
Ein ferner Schimmer fällt;

89
Mit einer schnellen Wendung
90
Sein Leben vor ihm liegt –
91
Er denket seiner Sendung,
92
Und wie er ihr genügt! –

93
Da wird sein Antlitz trüber,
94
Die Hand fährt nach der Brust,
95
Und Schatten ziehn vorüber,
96
Um die er einst gewußt.

97
Fühlt er nun Menschenachtung,
98
So fühlt wohl auch der Mann:
99
Mit Reue und Betrachtung
100
Seis noch nicht abgetan!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Franz Grillparzer
(17911872)

* 15.01.1791 in Wien, † 21.01.1872 in Wien

männlich, geb. Grillparzer

österreichischer Dramatiker

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.