Bei der Geburt eines Prinzen

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Franz Grillparzer: Bei der Geburt eines Prinzen (1830)

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Du eines guten Mannes gute Tochter
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Und eines frommen Kaisers Schwiegerkind,
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So windest du dich, jammernd um Erbarmen,
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Und bebt dein Leib von ahnungsvollem Weh?

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Sind das denn nicht die Hallen der Cäsaren,
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Der Pol-Stern eines sturmbedrängten Volks,
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Von wo aus donnernd die Geschicke fahren,
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Die blind erwartend hinnimmt eine Welt?
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Und fand der Schmerz in diese Herrschermauern,
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In diese Herrscherglieder einen Weg?
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Und, leichthingleitend ob des Fröners Weibe,
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Tritt er dich an und ruft: sei Mensch und leid!

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So widerspricht sich also sehr der Himmel?
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Und die er ausnimmt vom gemeinen Los,
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Daß sie nicht irren oder doch nicht fehlen,
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Und wenn auch fehlen, nimmer sich vergehn,
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Und wenn vergehn, sie selbst kein Tadel richtet,
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Bis einst, statt Pairs, als Gleicher über Gleichen,
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Ein einziger Geschworner sie verdammet: Gott.

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Und widerspricht sich also sehr der Himmel,
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Daß, ob von Ewigkeit und Gottes Gnaden
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Erkoren, recht zu tun und recht zu haben,
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Sie doch der Menschheit Los, das irren heißt und leiden,
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Nur halb verschont mit seiner Flüche beiden,
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Und sie, befreit von Rechenschaft und Wahl,
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Der Dränger Schmerz heimsucht mit seiner Qual?

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O schwach und falsch! Fürwahr, ein festres Merkmal
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Tat not, um zu beglaubigen der Welt
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Die auserkornen Lenker der Geschicke.
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Wie einst Alcid und jene Göttersöhne
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Mußt ein verklärter Leib im Mark der Kraft
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Umkleiden wie ein Purpur ihr Vermögen,
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In langen Doppelnächten stark erzeugt
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Und freudig an das Licht der Welt geboren,
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War eines Öta Brand, ein Donnerkeil
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Der einzge Rückweg aufwärts zu den Ahnen,
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Der würdig ihres Laufs und ihres Stamms.
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Und, arme Mutter neurer Göttersöhne,
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Liegst wimmernd du mit halbzerfleischtem Leibe,
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Fühlst dich, halb sterbend, gleich des letzten Bettlers Weibe?

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Und dieses Kind, das deinem Schoß entsprießet,
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Wird es nicht wimmern und nach Nahrung weinen?
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Nicht spielen? und du wirst sein Fehl bestrafen.
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Selbst an das Ziel der Mündigkeit gelangt,
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Wird er im Unrecht sein, sooft er anders will
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Und anders denkt als sein gekrönter Vater.
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Erst an der Gruft einst dessen, der ihn zeugte,
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Senkt Weisheit sich mit einmal auf sein Haupt,
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Und er prägt aus die Meinung seiner Zeit,
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Alleinig echt, nach selbstgeformtem Stempel,
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So lange bis der Tod, bis ihn das Schicksal
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Durch eines glücklichen Bewerbers Hand,
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Durch eignen Volkes Grimm – was Gott verhüte! –
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Von dem ererbten Reiche feindlich trennt
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Und seine Weisheit scheidet mit dem Thron.

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O glaube nicht, du schmerzbedrängte Frau,
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Du gute Tochter eines guten Vaters,
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Daß niedrer Hohn in diesen Zeilen spottet.
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Ich liebe dich, wie ich die Menschen liebe,
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Ich achte dich, weil du ein Mensch und gut.
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Nein, Mitleid wars, was mir die Brust bewegte,
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Als einsam sinnend deiner ich gedacht.
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Denn, ach, sie sagen, daß seit dreien Nächten
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Du ängstlich harrst der Stunde der Geburt,
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Und nicht vermagst und ab im Schmerz dich quälst.
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Da fiels mich an mit grimmigen Erbarmen,
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Daß du die Magd des Elends wie die andern,
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Daß all die Lügen einer Schmeichlerwelt
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Nicht einen Gran ersparen dir des Wehs,
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Das dich verknüpft den andern Erdentöchtern,
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Und du vielleicht, so jung, so schön, so gut,
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In diesem Augenblick dem Tod – Doch horch!
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Ist das Geschütz nicht donnernd von den Wällen?
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Noch einmal. – Zwei und drei. – Und zehn – und zwanzig.
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Du bist erlöst, ein Sohn ist dir geboren.
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Heil dir und ihm, dem Erben eines Throns!
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Lang mög er herrschen, du dich seiner freun,
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Als Fürst sei er der erste seiner Gleichen,
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Als Herzog zieh er her vor seinem Volk
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Und zieh als solcher jeden Titel nach,
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Mit dem das Land je seine Hoffnung grüßte –
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Nur den von Reichstadt nicht und von Bordeaux.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Franz Grillparzer
(17911872)

* 15.01.1791 in Wien, † 21.01.1872 in Wien

männlich, geb. Grillparzer

österreichischer Dramatiker

(Aus: Wikidata.org)

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