Was schiltst du mich? Und wenn auch noch so leise

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Franz Grillparzer: Was schiltst du mich? Und wenn auch noch so leise Titel entspricht 1. Vers(1827)

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Was schiltst du mich? Und wenn auch noch so leise,
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Und wenn auch noch so schön in Ton und Wort,
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Doch schiltst du mich und tadelst meine Gleise,
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Und wünschtest mich an einen andern Ort.
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Allein zugleich so freundlich ist die Weise,
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Daß sie den Geist mir zieht, den Willen fort,
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Und, was sonst lästig mir in Red und Liedern,
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Ich fühle mich gedrängt, dir zu erwidern.

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Es rinnt der Bach, wie schlammig die Gestade,
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Allein der schöpft, prüft wohl, was er erhält;
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Der Waldbaum streut den Samen auf die Pfade,
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Der Ackersmann sucht ein gepflügtes Feld;
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Der dunkle Trieb strebt, daß er sich entlade,
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Ein zwingend Muß ist ihm als Ziel gestellt;
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Der Menschengeist, in sonnigern Bezirken,
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Will nicht nur tätig sein, er will bewirken.

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Glaubst du, des Liedes Ahn, der Mäonide,
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Er sang den Winden seine Rhythmen vor?
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Der ihm zunächst kömmt im erhabnen Liede,
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Sah still geneigt der Briten stolzes Ohr;
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Und Tasson, Goethen, wenn vom Schaffen müde,
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Hört zu Amalia, lauscht Leonor.
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Die Welt ist da, weil Menschen sind, die sehen;
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Was niemand weiß, ist niemand auch geschehen.

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Es war die Zeit, da noch im Heiligtume
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Germania gern den eignen Sohn empfing,
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Da Jung und Alt umherstand um die Blume,
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Die frisch hervor aus Höltys Garten ging,
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Des Strengen Hand, so schwer erborgtem Ruhme,
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Leichtmahnend nur ob Weißens Haupte hing,
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Da der Genuß noch froh war zu genießen,
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Das Aug bereit, ins Anschaun zu zerfließen.

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Allein da kam das Paar der Herben, Düstern,
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Zwar Brüder, doch in
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Die Ersten sie der Zweiten, aber lüstern
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Nach höherm Ruhm, der Vordersten Bereich;
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Und da die eigne Tat nur leises Flüstern,
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Nicht Jubelruf erweckt und Glockenstreich,
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Da alle Tempel andern schon gehören,
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Dünkts ihnen gut, statt bauen zu zerstören.

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Und Schanzen bilden sie von luftgen Worten,
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Mißbrauchter Scharfsinn beut die Waffen dar;
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Was wahr, beschränkt auf Zeiten und an Orten,
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Wird ausgedehnt und aller Zukunft wahr.
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Der Ahnung Lauschen an der Geister Pforten
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Ist ihnen wie des Dreiecks Winkel klar,
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Und was veränderlich wie Wind und Wolke,
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Wird festgeballt und dargestellt dem Volke.

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Des Sanges Helden, die die Zeiten krönen,
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Stehn eingesargt in Fächer mancherlei;
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Weil sie der alten Fesseln spottend höhnen,
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So dünken sie sich selber fesselfrei;
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Die Ekelnamen, die nach Schule tönen,
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Sie wuchern fort im neuen Feldgeschrei;
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Und brüstend glauben sie sich frisch beritten,
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Weil sie das alte Tier verkehrt beschritten.

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Und froh empfängt der Troß die kühnen Leiter,
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Er sammelt sich ums flatternde Panier;
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Was sie begannen, führt er täppisch weiter,
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Der Stifter Wort, vergessen ist es schier.
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Des einzeln Ohnmacht deckt die Zahl der Streiter,
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Es wächst die Schar, kein Heil mehr außer ihr,
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Und mit den Formeln der vergeßnen Meister,
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Bewerfen sie die einzeln stehnden Geister.

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Es tut so wohl, der Ehrfurcht sich entringen,
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Die fremder Wert dem Menschen nicht erläßt,
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Den weiten Raum vom Wissen zum Vollbringen,
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Rasch zu durchfliegen wie der leichte West;
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Verkehrt die ewge Ordnung in den Dingen,
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Der Staub erhöht, im Staub, was hoch und fest,
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Der Schalk im Amtskleid seines Richters Richter,
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Der Dilettant ein Mann, ein Nichts der Dichter.

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Der Fremde Völker, die nach manchem Jahre
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Ihr habt erkannt, was Deutschlands Volk getan,
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Und borgend nach es ahmt, das Schöne, Wahre,
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Nehmt euch in acht und schaut auf eure Bahn!
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Das Opferfleisch, genommen vom Altare,
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Die Kohle hängt, die glühende, daran,
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Und wird entzünden sich, entflammen, mitten
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Im Kreise eurer streitverschonten Hütten!

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Doch nicht an Mustern soll es drum uns fehlen,
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Weil eigne Taten uns ihr Witz geraubt;
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Aus von den Großen aller Zeiten wählen
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Sie einzelne, die Alter schon bestaubt,
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Wo zu ergänzen, sichten, zu erzählen,
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Der Preisende sich selbst gepriesen glaubt,
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Wo Raums genug ist zwischen breiten Stegen
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Für den Erklärer, sich mit drein zu legen.

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So fährt der Priester in demselben Nachen
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Mit seinem Götzen zur Unsterblichkeit;
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Ja, selbst dem Formlos-Neuen, Haltlos-Schwachen
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Wird noch vielleicht ein dürftig Lob gestreut;
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Wenn nur nicht fertig, wenn noch dran zu machen,
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Wenns lüftet durch die Fugen, schlaff und weit.
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Doch weh dem Werk, das streng geschloßner Seiten,
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Sich selber stützt und ausschließt jeden zweiten.

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So strebt das Volk. Was sonst noch mag bedrängen,
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Das weißt du selbst, und ich, ich weiß es auch;
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Nicht darf sich Groll in goldne Lieder mengen,
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Schon riß zu weit mich fort sein scharfer Hauch.
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Und ich will ruhn. Nicht wehren den Gesängen,
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Doch auch nicht rufen sie nach früherm Brauch.
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Man lobt ja, wer der Zeit sich weiß zu schicken,
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Laß sich den Pöbel an sich selbst erquicken!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Franz Grillparzer
(17911872)

* 15.01.1791 in Wien, † 21.01.1872 in Wien

männlich, geb. Grillparzer

österreichischer Dramatiker

(Aus: Wikidata.org)

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