Beethoven

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Franz Grillparzer: Beethoven (1827)

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Abgestreift das Band der Grüfte,
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Noch erschreckt, sich findend kaum,
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Flog die Seele durch den Raum
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Dünn und leicht gespannter Lüfte.
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War das Blitzen? Wars ein Laut? –
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Ach, er hört, er
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Stürmen jetzt wie Windesbraut,
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Wehen nun wie Engelsschwingen,
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Klänge nun, wie Harfen klingen.
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Aufwärts! Aufwärts! – Kreis an Kreis,
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Welt an Welt, vom Schwunge heiß,
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Und der äußerste der Sterne
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Zeigt noch gleichentfernt die Ferne.
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Wards Genuß schon, ists noch Qual?
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Sinne schwänden, Sinne bersten,
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Denn das Letzte wird zum Ersten,
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Und des Ganzen keine Zahl. –
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Dunkel nun. Ha, Todesnacht,
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Übst du zweimal deine Macht?
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Aber nein, es führt nach oben,
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Aus des Dunkels Schoß gehoben,
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Strahlt der Tag in neuer Pracht.
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Und ein Land streckt seine Weiten,
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Gleich Oasen, die sich breiten
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In des Sandmeers wüstem Graun,
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Und durch seine Blumen schreiten
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Männer, göttlich anzuschaun.
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Klarheit strahlt aus ihren Zügen,
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Lächeln schwebt um ihren Mund,
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Ein befriedigtes Genügen
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Gibt die Erdentnommnen kund.
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Doch der Angekommne, düster,
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Stehet fern und blickt nicht um.
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Gält es ihm, ihr leis Geflüster?
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Ihm ihr Winken still und stumm?
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Aber plötzlich fällts wie Schuppen,
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Offnen Sinnes eilt er hin,
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Er erkennt die Meister-Gruppen,
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Und die Meister kennen ihn.
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Einer aus der Schar der Sänger
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Hebt den Finger, lächelt, droht.
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Rächst du ein verletzt Gebot?«
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Ritter ohne Furcht und Tadel,
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Auf der Stirn den Geisteradel,
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Geht vorüber
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Nickt im Schreiten und enteilt.
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Sei mein Schützer, mein Berater
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In dem neuen, fremden Land!«
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Und der Alte faßt die Hand,
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Küßt ihn auf die Stirn und weinet,
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Doch war fröhlich, was er meinet:
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»bravo! Scherzo, Allegretto!
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Hie und da hätt ich ein Veto,
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Doch ists Blut von meinem Blut.
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Ach, sie nennens, glaub ich,
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Nun, ich war auch heitrer Laune,
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Und das Ganze, wie so gut!«
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Wenn sie je und dann auch schaudern,
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Zeigt doch Neigung ihr Gesicht.
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Höher fast um Kopfeslänge
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Drängt sich
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Da teilt plötzlich sich die Menge,
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Und der Glanz wird doppelt Glanz,
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Und der Fremdling will entweichen:
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»ach, was soll ich unter euch?
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Als ich stand bei meinesgleichen,
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Schien ich bis hierher zu reichen,
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Aber hier? den Besten gleich?
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Wo ich irrte, was ich fehlte,
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Bald zu rasch, bald grübelnd wählte,
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Kühn gewagt, zu leicht erlaubt,
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Hat mir Mut und Kranz geraubt.«
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Und der Meister wiegt das Haupt:
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»frage hier die Siegsgefährten,
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Sie auch trog oft rascher Mut;
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Doch kein Tadel folgt Verklärten,
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Und der letzte Schritt auf Erden
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Macht den letzten Fehler gut.
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Geister können ja nicht sündgen!
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Wenns die Schüler breit verkündgen,
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Nach es ahmen in Geduld,
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Ihnen ist, nicht uns die Schuld.
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Knaben lehrt man Silben scheiden,
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Da genügt wohl Meister Duns;
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Lernt von andern Fehler meiden,
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Großes schaffen lernt von uns.
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Denn selbst Gift, an rechter Stelle,
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Wird der Heilung frohe Quelle;
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Rechtes, ohne Maß und Wahl,
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Zeugt verderbenschwangre Qual.
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Wer auch Richter über dir?
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Starke Könige der Seelen,
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Lassen wir vom Volk uns wählen,
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Doch, gewählt, gebieten wir;
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Und das Kunstwerk, wie der Glauben,
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Ob man klügelt, was man lehrt,
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Läßt es sich kein Jota rauben,
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Hats durch
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Drum tritt ein, sei nicht beklommen!
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Gleich den Besten sei geehrt!
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Es ist dein, was du genommen,
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Und dein Wagen ist dein Wert.«
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Ausgesprochen hat der Meister,
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Endlos wächst der Chor der Geister,
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Um den Aufgenommnen her
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Wirds von Grüßenden nicht leer.
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Zeigt
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Ihre Blicke freundlich hin.
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Einer nur steht noch im weiten,
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Wartet, bis die Flut verrinnt,
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Kommt jetzt näher, hinkt im Schreiten,
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Kräftig sonst und hochgesinnt.
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Mißt ihn jetzt mit stolzem Blick,
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Beut ihm schüttelnd dann die Rechte,
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Wirft das Auge scheu zurück:
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»bist du gern in dem Gedränge?
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Magst du gern bei vielen stehn?
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Sieh dort dunkle Buchengänge,
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Laß uns miteinander gehn!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Franz Grillparzer
(17911872)

* 15.01.1791 in Wien, † 21.01.1872 in Wien

männlich, geb. Grillparzer

österreichischer Dramatiker

(Aus: Wikidata.org)

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