Zu Mitternacht, in Habsburgs alten Mauern

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Franz Grillparzer: Zu Mitternacht, in Habsburgs alten Mauern Titel entspricht 1. Vers(1826)

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Zu Mitternacht, in Habsburgs alten Mauern,
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Geht ein Verhüllter, rätselhaft zu sehn,
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Man sieht ihn schreiten, weilen nun und lauern,
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Dann heben seinen Fuß und weitergehn.
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Vom Haupte zu den trägen Fersen nieder,
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Umhüllend rings, fließt nächtiges Gewand,
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Die Falten scharf, so zeichnen sich nicht Glieder,
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Wo Leben noch die straffen Formen spannt!

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Was hält er? Ists ein Stab? Es blinkt wie Waffen! –
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Des Schnitters Waffe haltend, zieht er ein,
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Und wo des Mantels Säum im Gehen klaffen,
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Blickt kahl entgegen fleischentblößt Gebein.
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Ich kenne dich, du Würger der Lebendgen!
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Was suchst im Heiligtume, Scheusal, du?
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Hier darf das Alter nur die Tage endgen;
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Die Pflicht zu leben gibt ein Recht dazu.

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Jetzt steht er still dort, wo das Pförtchen schließet.
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O schließe gut! O Pförtchen, schließ ihn aus!
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Doch aus dem Kleide, das ihn rings umfließet,
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Streckt er die dürre Knochenhand heraus.
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Wie an die Flügel er den Finger stellet,
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Da springen sie weitgähnend aus dem Schloß,
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Und ein Gemach, von Lampenschein erhellet,
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Liegt seinem Aug, liegt seinem Arme bloß.

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Und drin ein Mann auf seinem Schmerzensbette.
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Wie ist die edle Stirn von Tropfen feucht!
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Zwei Frauen neben ihm. Wer sahs und hätte
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Die Gattin nicht erkannt, die Mutter leicht?
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Und eine Krone liegt zu Bettes Füßen.
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»das ist ein König«, spricht der bleiche Gast,
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»und zwar ein guter, soll ich glauben müssen,
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Das frühergraute Haar zeugt nicht von Rast.

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Wohl auch als Gatte mocht er sich bewähren,
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Darum bewacht die Gattin jeden Hauch.
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Durchs Schloß erschallen Seufzer, fließen Zähren,
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Ein guter Herr und Vater also auch!
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Und dennoch kann das alles mich nicht hindern,
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Der Gattin Tränen halten mich nicht auf;
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Den Vater raub ich täglich seinen Kindern,
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Was vorbestimmt ist, habe seinen Lauf!«

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Und er tritt ein; da summen leise Klänge
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Vom Schloßhof her in sein gespanntes Ohr.
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Dort woget Volk, kaum faßt der Raum die Menge,
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Und jeder forscht und jeder blickt empor.
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Ein Weinender frägt einen, der da weinet,
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Und Tränen machen ihm die Antwort kund.
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»ob Hoffnung sei?« Was trüb der Blick verneinet,
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Pflanzt durch die Menge sich von Mund zu Mund.

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Und alle Hände sind zum Flehn gefaltet,
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Auf jeder Lippe zittert ein Gebet,
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Der Todespfeil, der einen Busen spaltet,
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Den blutgen Weg zu aller Herzen geht.
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Da hält der Würger an, sieht nach dem Kranken,
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Dann nach der Menge, wogend ohne Ruh,
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Es stockt der Fuß, der Arm beginnt zu wanken,
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Und endlich schreitet er der Türe zu.

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Schon hört er nicht mehr das Gebet der Menge,
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Die Beßrungskunde jubelnd zu sich ruft,
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Und an dem Ende der verschlungnen Gänge
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Schwingt er, ein Nachtgewölk, sich in die Luft.
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Im Gehen aber scheint er noch zu sprechen:
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»nicht über meinen Auftrag geht die Pflicht!
63
Ich ward gesandt, ein einzig Herz zu brechen,
64
So viele tausend Herzen brech ich nicht!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Franz Grillparzer
(17911872)

* 15.01.1791 in Wien, † 21.01.1872 in Wien

männlich, geb. Grillparzer

österreichischer Dramatiker

(Aus: Wikidata.org)

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