Vater Unser

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Franz Grillparzer: Vater Unser (1821)

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Hör uns, Gott, wenn wir rufen!
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Wir alle deine Kinder!
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Eingehüllt im Mantel deiner Liebe,
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Hingelagert zu den Füßen deiner Macht,
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Angeschmiegt an deine Vaterbrust:
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Wir alle deine Kinder!

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Ob wir gleich Staub sind und Spreu,
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Gestern geboren, morgen tot,
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Ein Nichts im All, das Nichts war, eh du riefst;
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Ob unsre Erde gleich, die groß uns dünkt,
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Ein Sandkorn ist im Unermeßlichen,
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Das du hinwegbläst, wenn dirs wohlgefällt,
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Wie man den Staub vom Tische bläst;
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Und du der Mächtge bist ob allen Mächtgen,
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Und über den Gewaltgen der Gewaltge,
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Der Herr der Herrn, so hoch ob aller Höhe,
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Daß der Gedanke selber, der dich sucht,
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Auf halbem Wege, schwindelnd rückwärts kehrt:
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Doch siehst du uns, doch hörst du uns,
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Von deiner Allmacht hochgestelltem Thron,
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Doch sorgst du, hilfst du, Großer, Mächtger, Hoher,

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Wag ich es, dich auszusprechen?
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Bin ich es wert, dich zu nennen?
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Das kleinste von den Werken deiner Hand?
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Hohes beuge sich und Höchstes;
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Ehre sei dir und nur dir allein;
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Allgütiger, Allweiser;
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Offenkundger, Geheimnisvoller,
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Uranfang, ohn Ende.
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Schöpfer, Beschützer, Erhalter!
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In stumme Ehrfurcht
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Sinke hin der Erdkreis,

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Wohl hast du die Erde schön gemacht,
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Und ich danke dir drum, mein Herr und Vater.
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Blumen sind da und Früchte, Quellen und Bäume,
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Frühlingslust und Sommerfreude, alles aufs beste;
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Auch gute Menschen, die dir dienen und recht tun.
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Aber ich kenne doch was Schönres, mein Herr und Vater,
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Und, als hätt ichs gesehn einmal in frührer Zeit,
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Schwebt es mir vor in meinen besten Tagen;
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Ein Land, wo dieser Körper nichts begehrt,
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Und wenn es nichts gewährt, auch nichts versagt;
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Wo der Gedanke
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Und
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Die Tat in Wollen und im Denken schon;
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Das Land, wo, unsrer Sonne gleich, das Recht,
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Und, wie der Mond, die Pflicht den Tag und Nächten leuchtet;
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Wo das Gefühl nicht blind
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Und der Verstand nicht taub ist allzumal;
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Dort möcht ich sein, mein Herr und Vater,
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Bei dir, in deiner Nähe;
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Und darum, Herr, o höre!

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Ich bin kurzsichtig und schwach,
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Kaum das Nächste erreicht mein Blick;
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Der Zukunft Ferne ist mir verschlossen:
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Was gut gemacht schien, zeigte sich schädlich,
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Und wo Gefahr ich sah, erschien mir Gutes.
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Auch hab ich das Schlimme wohl gar gewollt,
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Ja, das Schlimme
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Der mir der Nächste war, ich hab ihn gekränkt, Bekümmert hab ich, die mich liebten,
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Den Zorn ließ ich walten ob meinem Tun;
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Des Fremden Weh war nicht immer mein eignes.
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Hab ich immer gelohnt dem, der Gutes mir tat?
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Immer getan, was als Bestes sich zeigte?
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Vater! wohl gar das Schlimme hab
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Kurzsichtig, wie ich war und schwach;
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Daher walte du ob mir und meinem Tun,
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Führe mich, leite mich,
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Und nicht der meine, Herr,

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Wenn wir all uns liebten hienieden,
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Wie du uns liebst, mein Herr und Vater,
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Wenn der Mensch den Menschen säh im Freunde,
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Und auch in seinem Feinde nur den Menschen,
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Dann wäre nicht dort oben bloß dein Reich,
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Auch unter uns wär es, auch hier, hienieden,
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Und der Liebe Machtgebot geschäh

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Der Mensch ist nicht schlimm,
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Obwohl leider auch nicht gut,
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Aber die Sorge für das Nächste
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Macht ihn für den Nächsten blind,
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Was eisern alle Wesen bedingt,
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Die Selbsterhaltung, beschränkt ihn
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Und hält ihn nieder am Boden,
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Statt aufwärts zu dir und den Brüdern entgegen.
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Befrei uns, Herr, von der Sorge!
86
Gib uns heut unser tägliches Brot.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Franz Grillparzer
(17911872)

* 15.01.1791 in Wien, † 21.01.1872 in Wien

männlich, geb. Grillparzer

österreichischer Dramatiker

(Aus: Wikidata.org)

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