Napoleon

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Franz Grillparzer: Napoleon (1821)

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So stehst du still, du unruhvolles Herz,
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Und bist gegangen zu der stillen Erde?
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Was fünfzig Jahr, voll Hoheit und Beschwerde,
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Voll Heldenlust nicht gab und Heldenschmerz,
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Ist dir geworden in der stillen Erde,
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Ein Sohn des Schicksals stiegest du hinab,
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Verhüllt wie deine Mutter, sei dein Grab.

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Das Fieber warst du einer kranken Zeit,
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Bestimmt vielleicht, des Übels Sitz zu heben,
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So flammtest du durchs aufgeregte Leben;
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Doch wie des Krankenlagers Ängstlichkeit
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Dem
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Schienst du der Feind allein auch aller Ruh
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Und trugst die Schuld, die früher war, als du.

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Was sie gesündiget ohn Unterlaß,
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Was sie gefrevelt seit den frühsten Tagen,
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Ward all zusammen auf dein Haupt getragen,
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Du duldetest für alle aller Haß,
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Dich ließen sie nach jenem Schimmer jagen,
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In dem sich jeder selber gern gesonnt,
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Wie du, gewollt, nur nicht, wie du, gekonnt.

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Denn, seit du fort, fließt nun nicht mehr das Blut,
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In dem vor dir schon alle Felder rannen?
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Ward Lohn den wider dich vereinten Mannen?
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Ist heilig das von dir bedrohte Gut?
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Ward Tyrannei entfernt mit dem Tyrannen?
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Ist auf der freien Erde, seit du fort,
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Nun wieder frei Gedanke, Meinung, Wort?

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Dich lieben kann ich nicht, dein hartes Amt
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War, eine Geißel Gottes sein hienieden,
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Das Schwert hast du gebracht und nicht den Frieden,
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Genug hat dich die Welt darob verdammt;
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Doch jetzt sei Urteil vom Gefühl geschieden!
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Das Leben liebt und haßt, der Toten Ruhm
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Ist der Geschichte heilig Eigentum.

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Zum mindsten wardst du strahlend hingestellt,
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Zu kleiden unsrer Nacktheit ekle Blöße,
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Zu zeigen, daß noch Ganzheit, Hoheit, Größe
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Gedenkbar sei in unsrer Stückelwelt,
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Die sonst wohl selbst im eignen Nichts zerflösse,
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Daß noch die Gattung da, die starker Hand
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Bei Cannä schlug, bei Thermopylä stand.

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Und so tritt hin denn zu der Helden Zahl,
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Die annoch lebet auf der Nachwelt Zungen,
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Zum Alexander, der die Welt bezwungen,
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Zum Cäsar, der mit tadelnswertrer Wahl
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Am Rubicon der Herrschaft vorgedrungen,
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Zum – Stellt kein Held sich mehr zum Gleichnis ein?
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Und ist man streng, da wo die Wahl so klein?

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Geh hin und sag es an: der Zeiten Schoß,
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Er bring uns fürder Mäkler, Schreiber, Pfaffen,
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Die Welt hat nichts mit Großem mehr zu schaffen;
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Denn ringt sich auch einmal ein Löwe los,
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Er wird zum Tiger unter so viel Affen.
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Wie soll er schonen, was hält länger Stich,
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Wenn niemand sonst er achten kann als sich?

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Schlaf wohl! und Ruhe sei mit deinem Tod,
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Ob du die Ruhe gleich der Welt gebrochen;
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Hat doch ein Höherer bereits gesprochen:
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Von Anderm lebt der Mensch als nur von Brot,
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Das Große hast am Kleinen du gerochen,
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Und sühnend steh auf deinem Leichenstein:
63
Er war zu groß, weil seine Zeit zu klein!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Franz Grillparzer
(17911872)

* 15.01.1791 in Wien, † 21.01.1872 in Wien

männlich, geb. Grillparzer

österreichischer Dramatiker

(Aus: Wikidata.org)

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