Halt ein, Unselige, halt ein!

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Franz Grillparzer: Halt ein, Unselige, halt ein! Titel entspricht 1. Vers(1819)

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Halt ein, Unselige, halt ein!
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Wohin verlockst du mich?
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Über Berge bin ich gekommen,
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Durch Schlünde dir gefolgt,
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Kein Pfad ist, wo ich trete, keine Spur –
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Fern herauf tönt der Menschen Stimme,
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Tönt der Herden fröhliches Geläut
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Und des Waldbachs Rauschen;
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Ringsum Klippen, wolkennahe Klippen,
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Über mir Duft und Nebel,
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Lügend Gestalten!

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Was willst du? – Steh und rede!
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An deiner Seite ein Weib
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Gräulichen Anblicks.
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Schwarz flattern die Haare,
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Schwarz funkeln die Augen,
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Schwarz das Gewand – Blut!
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Blut an ihrem Gewande,
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An dem Dolch, den sie zückt!
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Zwei Kinder tot zu ihren Füßen
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Und ein Greis und ein Jüngling,
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Im Todeskampf verzerrend,
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Verwandte, ähnliche Züge;
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Um die Schultern aber glänzt es –
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Ein Vließ – ein goldstrahlendes Vließ –
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Medea! –

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Hebe dich weg, Entsetzliche!
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Kinder-, Bruder-, Vatermörderin!
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Was ist mir gemein mit dir?
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Den Vater hab ich kindlich geehrt,
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Und als die Mutter starb,
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Flossen fromme Tränen
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Ihr nach ins unerwünschte Grab.
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Was hab ich gemein mit dir?
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Mir schaudert. Geh! –
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Und auch du, die mich hergelockt,
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Durch die Leier in deinem Arm
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Und den Kranz, den du trägst,
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Vom immergrünen Laub, das mich lockt,
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Hebe dich weg und laß mich!
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Daß ich, den Rückweg suchend,
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Heimkehre zu den Meinen.

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Aber du schaust mich an?
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Mit dem Auge, streng zugleich und innig,
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Mit dem seelenbindenden Blick,
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Der schon dem keimenden Knaben
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Das Spielzeug wand aus den Händen
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Und, ablockend vom Kreis der Gefährten,
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In einsiedlerische Still ihn bannend,
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Das Geschick der Könige
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Und der Welt ungelöste, ewige Rätsel
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Ihm gab zum ahnungsvollen, ernsten Spiel.
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Du schaust mich an und willst nicht gehn?
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Winkst mir, zu folgen dir und der Gefährtin,
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Medeen, mit dem gräßlichen Blick?
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Du nimmst den Kranz vom duftenden Haar
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Und setzest ihn aufs Haupt der Entsetzlichen?
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Du lächelst und winkst?
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Folgen soll ich, dann sei gewährt?
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Mein Wesen hat kein Schild gen solche Waffen,
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Sie haften, deine Pfeile, in der Brust!
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Vollendet sei, was begonnen!
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Winke nicht mehr, du hast mich gewonnen!
64
Geh voran! ich folge dir.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Franz Grillparzer
(17911872)

* 15.01.1791 in Wien, † 21.01.1872 in Wien

männlich, geb. Grillparzer

österreichischer Dramatiker

(Aus: Wikidata.org)

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