Campo Vaccino

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Franz Grillparzer: Campo Vaccino (1819)

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Seid gegrüßt, ihr heilgen Trümmer,
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Auch als Trümmer mir gegrüßt,
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Obgleich nur noch Mondenschimmer
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Einer Sonn, die nicht mehr ist.
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Nennt euch mir, ich will euch kennen,
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Ich will wissen, was ihr wart,
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Was ihr
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Da die Schmach euch gleich gepaart.

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Eintrachtstempel, du der erste,
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Der sich meinem Blick enthüllt;
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Deine letzte Säule berste!
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Schlecht hast du dein Amt erfüllt!
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Solltest deine Brüder hüten,
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Wardst als Wächter hingesetzt,
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Und du ließest Zwietracht wüten,
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Die sie fällt und dich zuletzt.

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Jupiter, aus deinem Tempel,
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Stator, der zu stehn gebeut,
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Brich des Schweigens Sklaven-Stempel,
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Heiß sie stehn die neue Zeit!
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Doch umsonst ist hier dein Walten,
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Du stehst selber nur mit Müh,
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Unaufhaltsam gehn die Alten
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Und das Neue über sie.

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Warum in dies Feld der Leichen
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Ist, Septimius Sever,
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Als dem letzten, ders zu fassen,
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Wenn auch nicht zu tun verstand,
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Sei ein Plätzchen dir gelassen,
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Doch nicht hier, am äußern Rand.

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Titus, nicht dem Ruhm, dem Frieden
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Bautest du dein Heiligtum:
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Doch dir ward, was du vermieden,
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Jeder Stein spricht deinen Ruhm.
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Auch den Frieden in dem Munde
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Ging ein andrer drauf ins Haus,
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Doch der Frieden zog zur Stunde
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Aus dem Friedenstempel aus.

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Curia, die aus ihren Toren
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Krieg der Welt und Frieden ließ,
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Harrst du deiner Senatoren?
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Einer doch ist dir gewiß.
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Sieh ihn stehn dort an den Stufen,
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Bei dem Mann im Priesterkleid,
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Sieh, er kommt, wird er gerufen,
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Und er geht, wenn man gebeut;

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Sieh des Purpurs reiche Falten!
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Majestätisch steht er da!
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Ja, du suchst nach deinen Alten?
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Schließ die Pforten, Curia!
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Unten such, die unten wohnen,
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Wir sind oben leicht und froh;
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Rom hat nur noch Ciceronen,
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Aber keinen Cicero.

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Hat der Bruder dich erstochen,
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Remus, mit dem weichen Sinn?
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Sieh vom Schicksal dich gerochen,
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Er, sein Reich, gleich dir, dahin.
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Sieh! in seines Tempels Hallen,
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Wie in deinem, Mönchezug;
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Horch! des Küsters Glöcklein schallen!
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Dünkt die Rache dir genug?

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Roma, Venus – Schönheit, Stärke,
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Pulse ihr der alten Welt,
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Hier inmitten eurer Werke,
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Euer Tempel aufgestellt.
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In Ruinen Schönheitprangen?
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Kraft in Trümmern wank und schwach?
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Was ihr zeugtet, ist vergangen,
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Folget euren Kindern nach.

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Dort der Bogen, klein und enge,
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Schwach gestützt und schwer verletzt;
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Wem von all der Heldenmenge
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Ward so ärmlich Mal gesetzt?
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Titus. O, so laßt es fallen!
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Denn obs auch zusammenbricht,
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Solang Menschenherzen wallen,
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Brauchst du, Titus, Steine nicht.

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Hoch vor allen sei verkläret,
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Constantin,
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Mancher hat manch Reich zerstöret,
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Aber du das größte – Rom.
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Über Romas Heldentrümmern
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Hobst du deiner Kirche Thron,
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In der Kirche magst du schimmern,
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Die Geschichte spricht dir Hohn.

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Mit dem Raub von Trajans Ehren
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Hast du plump dein Werk behängt;
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Trajan kann des Schmucks entbehren,
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Er lebt ewig, unverdrängt:
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Aber eine Zeit wird kommen,
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Da zerstäubt geraubte Zier,
93
Da erborgter Schein verglommen,
94
Was spricht, Heuchler, dann von dir?

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Kolosseum, Riesenschatten
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Von der Vorwelt Machtkoloß,
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Liegst du da in Todsermatten,
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Selber noch im Sterben groß?
99
Und damit, verhöhnt, zerschlagen,
100
Du den
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Mußtest du das
102
An dem, Herrlicher, du starbst!

103
Nehmt es weg, dies heilge Zeichen!
104
Alle Welt gehört ja dir;
105
Übrall, nur bei diesen Leichen,
106
Übrall stehe, nur nicht hier!
107
Wenn ein Stamm sich losgerissen
108
Und den Vater mir erschlug,
109
Soll ich wohl das Werkzeug küssen,
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Wenns auch Gottes Zeichen trug?

111
Kolosseum, die dich bauten,
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Die sich freuten um dich her,
113
Sprachen in bekannten Lauten,
114
Dich verstanden, sind nicht mehr.
115
Deine Größe ist zerfallen
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Und die Großen sinds mit ihr,
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Eingestürzt sind deine Hallen,
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Eingebrochen deine Zier;

119
O, so stürze ganz zusammen
120
Und ihr andern stürzet nach,
121
Decket, Erde, Fluten, Flammen,
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Ihre Größe, ihre Schmach.
123
Hauch ihn aus, den letzten Oden,
124
Riesige Vergangenheit!
125
Flach dahin auf flachem Boden
126
Geh die neue, flache Zeit!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Franz Grillparzer
(17911872)

* 15.01.1791 in Wien, † 21.01.1872 in Wien

männlich, geb. Grillparzer

österreichischer Dramatiker

(Aus: Wikidata.org)

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