Der Kuss

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Franz Grillparzer: Der Kuss (1808)

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Einst fand bei ihren Schafen
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der muntre Titirus
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die junge Kloë eingeschlafen.
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Er raubt ihr einen süßen Kuß
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und fliehet schnell, die Schläferin erwachet,
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von seinem kühnen Raub geweckt,
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sieht sich allein, doch bald entdeckt
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sie den Verwegnen, der, versteckt
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im Busche, ihres Zornes lachet
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und sie mit reifen Brombeern neckt.
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Die Schöne, tief beleidigt,
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verweist ihm weinend seinen Raub,
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indes, versteckt in Moos und Laub,
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bei allen ihren Klagen taub,
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er sich mit lautem Lachen nur verteidigt.
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Doch endlich, als die Kleine gar nicht schweigt
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und immer lauter klaget, steigt
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er aus dem luftigen Asyl herunter.
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»was, Närrchen«, spricht er, »ficht dich an?
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Wer uns hier sähe, dächte Wunder
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was Arges ich dir angetan!
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Was ists denn weiter, als daß ich dich küßte!
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und darum weinst du dir die Augen blind?«
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»ach, das ists eben«, schluchzt das arme Kind,
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»warum ich weine, wenns die Mutter wüßte,
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daß mich ein hübscher Knabe küßte,
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weiß Gott, es wär um mich geschehn!«
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Der Hirte lachet bei dem Flehn
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des Mädchens. »Nun, bei meinem Leben,
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das ist doch sonderbar«, spricht er.
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»doch kränkt dich ein geraubter Kuß so sehr,
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so will ich ihn dir gerne wiedergeben.«
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»ach, Lieber, ja, das tue«, spricht
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erfreut die kleine Schöne
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und wischt des Schmerzes bittre Träne
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schnell von dem reizendem Gesicht.
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Der frohe Hirt umschlingt sie mit den Armen,
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preßt sie an seinen Busen und
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drückt einen langgedehnten, warmen,
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beseelten Kuß auf ihren Rosenmund.
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Das Mädchen sieht vor sich zum Boden nieder,
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erseufzt aus tiefer Brust und legt
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die weißen Händchen tiefbewegt
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aufs Herz, das tobend ihr im Busen schlägt.
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»nun«, spricht sie, »nun hab ich ihn wieder,
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den Kuß, und meine Ehr ist unversehrt!«
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Der Hirte will laut lachend gehen;
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doch kaum hat er den Rücken ihr gekehrt,
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als er das Mädchen rufen hört,
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und lauter lachend bleibt er stehen
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und fragt, was ihr Begehren sei!
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Sie spricht mit schamgesenktem Blicke:
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»ach, du gabst mir nur einen Kuß zurücke
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und stahlst mir doch im Schlafe zwei!«
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»nun wohl«, ruft Titirus,
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»du sollst auch deinen zweiten Kuß
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zurückbekommen, ich bin billig!
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Das ganze Dorf bezeugt mir das!«
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Er spricht es und zieht sie zu sich ins Gras.
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Die blöde Kleine folgt ihm willig.
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Die Wange hochgefärbt von Scham und Glut,
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sitzt sie auf seinem weichen Schoße,
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und der gefährliche Bezahler ruht
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nicht eher, bis ihr Mund gleich einer Rose,
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die in dem Strahl der Abendsonne blüht,
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von mehr als hundert Küssen glüht.
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Die Schöne fing nun wieder an zu weinen,
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daß er, statt des verlangten einen,
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ihr mehr als hundert Küsse gab;
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und sollte sie sich nicht zu Tode grämen,
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mußt er den Überschuß zurückenehmen,
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man rechnete nun wieder ab,
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der Schäfer aber hört nicht auf zu irren,
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man mußte stets von neuem subtrahieren,
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und kurz, ein alter Hirt,
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der abends sie im tiefen Gras entdeckte,
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fand ihre Rechnung so verwirrt,
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daß er mit Zeterschrein sie voneinander schreckte.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Franz Grillparzer
(17911872)

* 15.01.1791 in Wien, † 21.01.1872 in Wien

männlich, geb. Grillparzer

österreichischer Dramatiker

(Aus: Wikidata.org)

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