Das Grab im Walde

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Franz Grillparzer: Das Grab im Walde (1808)

1
»wie das treue Weib dem Mann,
2
bleib mir liebend zugetan,
3
bleib mir treu und hold,
4
treu und rein wie Gold«!

5
sprach zu Fräulein Edeltrud
6
Hans von Werden und voll Mut
7
schwingt er sich aufs Roß
8
und verläßt das Schloß.

9
Dahin, wo den Sarazen
10
tapfrer Christen Schwerter mähn,
11
dahin ruft ihn schnell
12
Friederichs Befehl.

13
Und nach manchem harten Strauß
14
schifft er sich zu Joppe aus,
15
sieht der Christen Blut
16
und der Feinde Wut.

17
Seines tapfern Armes Schwert
18
wird gefürchtet und geehrt,
19
und der Feind entweicht,
20
wo es ihn erreicht.

21
Und er häufet Sieg auf Sieg;
22
doch ein Friede hemmt den Krieg;
23
zu dem Liebchen hin
24
will der Held nun ziehn.

25
Er verläßt des Landes Schoß,
26
wo sein Blut für Christus floß,
27
eilt vom heilgem Strand
28
in der Heimat Land.

29
Als er nun durch Deutschland zoh,
30
eben einen Wald durchfloh,
31
hört er ein Geschrei,
32
er zur Hilf herbei!

33
Und er sieht auf hohem Roß
34
hier ein Mädchen, hehr und groß
35
war der Glieder Bau,
36
sanft des Auges Blau,

37
Das um Hilf zum Himmel blickt,
38
fest von Räuberarm umstrickt;
39
kühn und stark bewehrt
40
folgt ein Trupp zu Pferd.

41
Werden scheut keine Gefahr,
42
achtet nicht der Zahl der Schar,
43
stürzt mit Hieb und Stich
44
in die Feinde sich.

45
Diese stutzen, stehn verblüfft,
46
dann erst, als sein Schwert sie trifft,
47
jeder sich besinnt,
48
und der Kampf beginnt.

49
Unsers Ritters tapfrer Arm
50
mähet in der Feinde Schwarm,
51
strecket manchen hin,
52
und die andern fliehn.

53
Jetzt naht er dem Mädchen sich;
54
Ha! durchbohrt von einem Stich
55
ist sie, weh, ihm graut!
56
er erkennt die Braut!

57
»werden, ach, ich bin vermählt«,
58
stöhnt die Holde matt und fällt
59
auf den Rasen hin,
60
weg war Geist und Sinn!

61
Er hält sie mit stillem Harm
62
weinend in dem lassem Arm,
63
aber nun durchschallt
64
Hörnerton den Wald.

65
Und mit Schwert und Jägerspeer
66
trabt ein Rittersmann einher,
67
sieht das blutge Paar,
68
Angst sträubt ihm das Haar;

69
Denn der Arme, der hier weint,
70
war sein längst vergeßner Freund,
71
der die teure Braut
72
seiner Hut vertraut.

73
Schändlich mit erlognem Mund
74
tat dem treuen Weib er kund,
75
daß in Sklaverei
76
Hans gestorben sei.

77
Doch auch selbst im Tode bricht
78
sie die Treue Hansen nicht;
79
da schleppt der Barbar
80
sie an den Altar,

81
und ein unauflösbar Band
82
schlingt um sie des Priesters Hand,
83
den der falsche Mann
84
durch sein Gold gewann.

85
Doch bald war des Weibs er satt,
86
Das durch manche Lastertat
87
er sich frech erkämpft;
88
seine Gier gedämpft,

89
als er mit verdammter List
90
sie zu morden sich entschließt,
91
doch hört Hans ihr Schrein,
92
eilt, sie zu befrein.

93
Nun sieht er mit einemmal
94
Werden, dem die Braut er stahl,
95
stehn vor seinem Blick,
96
und er bebt zurück;

97
in dem Innern seiner Brust
98
war er sich der Schuld bewußt,
99
und dem Buben graust
100
vor des Tapfern Faust.

101
Doch bald hat er sich gefaßt,
102
schnell greift er in wilder Hast
103
nach dem Jagdgeschoß,
104
eilt auf Werden los.

105
Und er trifft ihn nur zu gut!
106
Werden liegt in seinem Blut,
107
hingestreckt im Staub,
108
wilder Tiere Raub.

109
Und der freche Mörder flieht
110
schnell von hinnen, doch durchglüht
111
sein verrätrisch Herz
112
Angst und Höllenschmerz.

113
Der Verräter irrt umher,
114
auf ihm lieget zentnerschwer
115
des Verbrechens Last,
116
läßt ihm keine Rast.

117
Fürchterlich ist seine Qual,
118
denn er glaubt, daß Berg und Tal,
119
Feld und Hain und Luft,
120
Mörder zu ihm ruft!

121
Er ersteigt die Felsenwand,
122
eilet an des Abgrunds Rand,
123
Mörder! schreit er und
124
stürzt sich in den Schlund.

125
An der Klippen rauhem Stein
126
klebt zerschmettert sein Gebein;
127
wer das Scheusal sieht,
128
schlägt ein Kreuz und flieht.

129
Nun sieht man um Mitternacht,
130
wenn kein lebend Wesen wacht,
131
eine Geistsgestalt,
132
die zum Grabe wallt,

133
wo des frommen Ritters Leib,
134
und das treuergebne Weib
135
leicht im Sand verscharrt
136
der Erstehung harrt.

137
Dorthin, wie die Sage heißt,
138
wandelt der gequälte Geist,
139
von dem Fels herab
140
zu der Frommen Grab.

141
Jede Mitternacht erscheint
142
er und ringt die Händ und weint,
143
stöhnt und seufzet laut,
144
bis der Morgen graut.

145
Wenn des Morgens Lüfte wehn
146
und die Hähne munter krähn,
147
und der Osten glüht,
148
seufzt er und entflieht;

149
fliehet, bis den dunkeln Wald
150
Lunas holder Schein durchstrahlt,
151
kehrt zurück und klagt,
152
bis es wieder tagt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Franz Grillparzer
(17911872)

* 15.01.1791 in Wien, † 21.01.1872 in Wien

männlich, geb. Grillparzer

österreichischer Dramatiker

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.