Hier steh ich Arme an dem öden Strande

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Franz Grillparzer: Hier steh ich Arme an dem öden Strande Titel entspricht 1. Vers(1807)

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Hier steh ich Arme an dem öden Strande,
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Wo jeder mich als seine Feindin haßt,
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An meinen Händen klirren ehrne Bande,
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Als Sklavin blick ich nach dem fernem Lande,
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Das alles, was mir teuer war, umfaßt,
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Nach den Ruinen, die des teuern Gatten
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Und meiner Heldensöhne Grab umschatten!

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Ihr Lieben meiner Seele seid gefallen,
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Wie Eichen, die der Wettersturm zerknickt,
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Und meiner Trauer herbe Seufzer schallen
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In blutbegieriger Hellenen Hallen,
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Die sie mit euern Waffen ausgeschmückt,
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Und niedrig schmähend trinken rohe Zecher,
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An feiler Dirnen Brust, aus Priams Becher,

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Besudeln frech des grauen Helden Ehre,
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Die auch bei seinem Fall nicht unterging,
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Als er am Fuß der heimischen Altäre
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Von Neoptolemos grausamen Speere
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An meiner Brust den Todesstreich empfing.
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Und ich darf nicht zu murren mich erkühnen,
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Als niedre Magd muß ich den Mördern dienen!

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Ich, einst die Mutter von so vielen Söhnen,
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Ich, die man ehmals hochbeglücket pries,
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Verklage nun vorm Throne Zeus mit Tränen
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Die Grausamkeit barbarischer Hellenen,
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Die meine wackern Kinder mir entriß;
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Gemordet von der Griechen blutgem Schwerte,
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Deckt kühlend sie die mütterliche Erde.

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Doch auch den schwachen Trost sollt ich nicht haben,
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Zu sehn, daß sie ein niedrer Hügel deckt,
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Brich Mutterherz, sie liegen unbegraben
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Und nackt, ein Raub der Geier und der Raben,
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Auf Trojas glühnde Trümmer hingestreckt.
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Und ich von all den Meinen losgerissen,
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Kann ihnen nicht einmal die Augen schließen.

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O Hektor! – Ha, im Mutterbusen nagen
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Mir bei dem Namen Schmerz und Wut,
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Halt ein, Barbar! Achilleus Pferde jagen
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Dahin und Hektorn schleift der goldne Wagen,
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Die Mauern Ilions netzt Hektors Blut,
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Und seiner Leiche spotten feige Scharen,
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Die sonst vor seinem Arm geflohen waren.

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Doch wohl euch allen, ihr habt ausgelitten,
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Für eures Vaters Wohl, für Ilion
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Habt ihr als wackre Männer brav gestritten,
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Des Lebens Dornenbahn ist nun durchschritten,
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Jenseits des Lethe harret euer Lohn.
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Wohl allen, die bei Trojas Fall erblaßten,
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Wohl euch, daß euch nicht Sklavenfesseln lasten,

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Wie mich! Mich, die der Purpur und die Krone
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An meines Gatten Seite einst geziert,
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Die nun herabgerissen von dem Throne,
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Gemartert von der Feinde Spott und Hohne,
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Zu ihrer Qual ein Sklavenleben führt!
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War ich nur darum einst so hoch gestiegen,
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Um desto tiefer itzt im Fall zu liegen!

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Doch nur auf wenig Augenblicke scheiden
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Von euch mich, Teure, Sklaverei und Grab,
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Bald naht das schöne Ende meiner Leiden,
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Der Genius winket und die Parzen schneiden
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Den Faden meines Lebens gütig ab,
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Bald führt der Tod mich wieder zu den Meinen,
63
Auf ewig mich mit ihnen zu vereinen!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Franz Grillparzer
(17911872)

* 15.01.1791 in Wien, † 21.01.1872 in Wien

männlich, geb. Grillparzer

österreichischer Dramatiker

(Aus: Wikidata.org)

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