Wird es ewig nimmer tagen?

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Franz Grillparzer: Wird es ewig nimmer tagen? Titel entspricht 1. Vers(1807)

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Wird es ewig nimmer tagen?
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Dämmert ewig mir kein Licht?
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Niemand achtet meiner Klagen,
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Er, der Mächtge, hört sie nicht.

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Gott! nur einen Tropfen Wahrheit
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Schenk mir aus dem ewgen Quell,
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Und mein Geist, erfüllt mit Klarheit,
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Sieht der Dinge Wesen hell!

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Uns umhüllt mit dunklem Schleier
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Wahn und Trug mit tiefer Nacht,
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Dann erst blickt das Auge freier,
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Wenn es jenseits neu erwacht.

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Sende, Vater, wenn die Träne
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Deines Kinds dich doch erweicht,
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Einen deiner höhern Söhne,
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Der mir Lebensbalsam reicht,

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Der mich durch das Leben leite,
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Frei von Irrtum und von Wahn,
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Freundlich helfend vor mir schreite
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Auf der Wahrheit Dornenbahn!

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Also rief von Horebs Spitze
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Durch die weite Wildnis hin
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Zu des Allgewaltgen Sitze
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Einst der weise Nureddin,

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Der in dunkeln Felsenschlünden
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Unter Fasten und Gebet
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Lebte, um das zu ergründen,
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Was des Menschen Aug entgeht.

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Sieh! da tönen Himmelslieder,
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Und mit Geisteswehen wallt
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Aus den Wolken hehr hernieder
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Eine göttliche Gestalt.

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Glänzend, gleich dem Morgenrote,
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Und mit freundlichem Gesicht,
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Senket sich der Himmelsbote,
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Tritt zu Nureddin und spricht:

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»wisse, daß um euch zu lehren
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Mich die weise Allmacht schuf,
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Und aus höhern Himmelssphären
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Steig ich nun auf deinen Ruf.«

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»gott erhörte meine Bitte«,
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Rufet Nureddin, »er heißt
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Aus der Himmelsbrüder Mitte
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Niedersteigen einen Geist,

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Reich mir denn vom Baum des Lebens
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Die so seltne, edle Frucht,
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Die der Weise stets vergebens
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Hier in diesen Tälern sucht,

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Schenke mir den Stein der Weisen«,
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Sowie Nureddin dies ruft,
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Schwingt der Geist in weiten Kreisen
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Sich mit Zürnen in die Luft.

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Und aus hohen Wolken schallet
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Geisterstimme in sein Ohr:
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»wurm, der dort im Kote wallet«,
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Rufts von oben, »blöder Tor,

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Um den Menschen zu beglücken,
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Gab die Gottheit ihm Verstand,
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Doch in seines Geistes Blicken
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Fesselt ihn ein festes Band.

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Was in seines Wirkens Kreise
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Er bedarf, doch soviel nur,
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Gab ihm der allgütge, weise
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Vater jeder Kreatur,

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Doch statt für die Huld zu danken,
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Die der Gütige ihm beut,
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Überspringt er kühn die Schranken
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Seiner schwachen Endlichkeit.

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Manches kann er nicht verstehen,
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Was Gott weise ihm verhehlt;
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Da schafft kindisch aus Ideen
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Er sich eine eigne Welt,

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Er verkörpert seine Träume
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Und ein Bild der Fantasie
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Suchet er durch ferne Räume,
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Sucht und findet es doch nie.

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Drum laß ab von eitlem Streben!
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An des Lebens Rand, am Grab,
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Erst in einem bessern Leben
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Fällt das Band der Augen ab!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Franz Grillparzer
(17911872)

* 15.01.1791 in Wien, † 21.01.1872 in Wien

männlich, geb. Grillparzer

österreichischer Dramatiker

(Aus: Wikidata.org)

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