Die wahre Tugend

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Franz Grillparzer: Die wahre Tugend (1806)

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Es lebt einmal in niedrer Hütte
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Ein Klausner im Ardennerwald,
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Von dessen Ruhm und strenger Sitte
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Ringsum das ganze Land erschallt'.

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Er betete bei Nacht und Tage,
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Sein Mahl bestand aus schlechtem Brot,
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Er rettete, so geht die Sage,
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Gar oft das Land aus Pest und Not.

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Einst, als ein Frost aus rauhen Lüften
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Sich niedersenkt' auf die Natur,
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Drückt Mißwachs die erstorbnen Triften,
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Und Mangel jede Kreatur.

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Und auch des Eremiten Schwelle
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Verschont der grause Hunger nicht,
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Er grinst auch in die enge Zelle
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Mit abgezehrtem Angesicht.

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Der Alte lenkt nach jenen Hütten,
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Die ihn gepflegt, den matten Lauf,
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Doch plötzlich hält in seinen Schritten
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Ihn Hunger und Ermattung auf.

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Von Froste starren seine Glieder,
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An eine nahe Eiche lehnt
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Er seinen Leib und stürzet nieder
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Und ächzet an der Erd und stöhnt.

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Doch sieh! Mit gräßlicher Gebärde
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Naht nun ein Weib, hört sein Geschrei,
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Erblickt den Armen auf der Erde
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Und eilet schnell zu Hilf herbei.

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Der Alte stöhnt: Ach, hab Erbarmen!
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Nur einen kleinen Bissen Brot!
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Es ist der letzte, in mir Armen
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Wühlt schon der martervollste Tod.

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Ich, Armer, sollte Brot dir geben?
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Ruft sie, von herben Tränen schwer
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Rollt hier ihr Blick, bei meinem Leben!
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Ich habe nur dies Stückchen mehr.

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Mit diesem will ich mich noch laben,
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Das Totenmahl soll es mir sein. –
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Doch, Alter, nein, du sollst es haben,
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Hier, Lieber! Nimm es, es ist dein!

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Ihr Busen pocht in lauten Schlägen,
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Und mit verzweiflungsvollem Sinn
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Schreit sie: Ach, gib mir deinen Segen,
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Hier ist das Brot, ach, nimm es hin!

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Er nimmts und nässet es mit Tränen,
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Ich Sünder soll dich segnen? – dich?
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O, rufet er mit leisem Stöhnen,
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Weib, du bist heiliger als ich!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Franz Grillparzer
(17911872)

* 15.01.1791 in Wien, † 21.01.1872 in Wien

männlich, geb. Grillparzer

österreichischer Dramatiker

(Aus: Wikidata.org)

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